Berlin : Schüler als Sündenböcke

Wie türkische Blätter über die Neuköllner Rütli-Hauptschule berichten

Suzan Gülfirat

Über die Verhältnisse an der Rütli-Schule in Neukölln diskutieren derzeit auch türkische Zeitungen mit. „Schließt diese Schule, an der türkische Schüler verprügelt werden“, zitierte beispielsweise die Hürriyet am Freitag auf ihrer Titelseite die Lehrer dieser Schule. „Das ist kein Alptraum, sondern die Wirklichkeit“, kommentierte an diesem Tag die Türkiye die Vorfälle in dieser Bildungseinrichtung und erklärte in den Unterzeilen: „Die Gewalt in dieser Schule verbreitet selbst unter Lehrern Angst und Schrecken.“ Über die Rütli-Schule hieß es in allen türkischen Zeitungen: „Die Schule hat nicht einmal einen Leiter.“ Die meisten Informationen entnahmen die türkischen Blätter dabei den Berichten der deutschen Nachrichtenagenturen.

Am Wochenende kam das Thema auf alle Titelseiten. „Wer ist der wahre Schuldige?“, fragte zum Beispiel die Türkiye am Sonnabend. Im Innenteil lautete die Überschrift: „Die Hexenjagd beginnt.“ Im Text konkretisierte die Zeitung ihren Vorwurf: „Jugendliche, die mehrfach wegen Straftaten aufgefallen seien, müssten notfalls abgeschoben werden, sagte der Spitzenkandidat der Berliner CDU für die Abgeordnetenhauswahl, Friedbert Pflüger.“ Die Zeitungen zitierten auch deutsche Schüler der Rütli-Schule, die angaben, dass sie sich von den ausländischen Schülern nicht bedroht fühlten. Andere Schüler der Rütli-Hauptschule und Heinrich-Heine-Realschule sagten den türkischen Reportern: „Es wird übertrieben.“ So schlimm, wie es dargestellt werde, seien die Verhältnisse an der Schule nicht.

Am Sonntag zeigten alle Zeitungen Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrer Titelseite. Die Türkiye machte das Thema sogar zum großen Aufmacher: „Merkel beschuldigt Senator“, schrieb die Zeitung in der Überschrift und meinte damit den Berliner Schulsenator Klaus Böger (SPD). Genauso kamen türkischstämmige Politiker zu Wort. Die Türkiye zitierte ausführlich die integrationspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Sevim Dagdelen, die sagte, die Situation an der Rütli-Schule spiegele die Defizite des deutschen Bildungssystems wider. „Dieselben Politiker, die vor kurzer Zeit angesichts der Pisa-Ergebnisse dem Bildungssystem Chancenungleichheit bescheinigten und Besserung versprachen, haben nach dem Hilferuf der Rütli-Schule ihre Sündenböcke in den Schülern ausgemacht“, zitierte die Türkiye sie. Die Hürriyet zitierte den Vorsitzenden des Türkischen Elternvereins Berlin-Brandenburg, Ertekin Özcan. „Der Fehler liegt im Schulsystem.“ Die Hürriyet sprach auch mit einem türkischen Geschäftsmann in Neukölln. Das Blatt zitierte Kiosk-Besitzer Hulusi Bilek, der nach eigenen Angaben seit 32 Jahren einen Laden neben der Schule betreibt. „Die Jugendlichen kommen in den Laden und wollen die Waren umsonst haben. Ich rufe dann jedes Mal die Polizei“, sagte er der Hürriyet. Er habe seine Tochter von dieser Schule abgemeldet und nun besuche sie die Universität. „Auch Geschäftsleute beklagen sich“, lautete dazu die Überschrift. Selbst kommentiert hat dieses Thema keine einzige dieser großen Zeitungen.

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