Schüler-Mobbing im Internet : Virtueller Psychoterror von Pankow bis Charlottenburg

09.02.2011 13:55 UhrVon Christine Cornelius
Anonyme Beleidigungen: Eine Internetseite ruft Schüler auf, Gerüchte über andere zu verbreiten. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Anonyme Beleidigungen: Eine Internetseite ruft Schüler auf, Gerüchte über andere zu verbreiten. - Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Hetze in einem Internetforum beunruhigt Berliner Schüler, Eltern und Lehrer. Die meisten Beleidigungen sind sexueller Art und richten sich gegen Mädchen. Der Server steht im Ausland.

Hetze in einem Internetforum beunruhigt Berliner Schüler, Eltern und Lehrer. Ungehemmt werden dort Gerüchte über Schüler gestreut – anonym und meist unterhalb der Gürtellinie: Die macht’s mit jedem, die hat sieben Typen gleichzeitig. Und die da ist schwanger, jene die größte Schlampe der Schule. Die meisten Beleidigungen sind sexueller Art und richten sich gegen Mädchen. Schüler von Dutzenden Schulen machen mit – virtueller Psychoterror von Pankow bis Charlottenburg. Abstimmungen über den „geilsten Arsch“ sind noch harmlos. „Die mit ihrer Pferdefresse“ heißt es etwa auf der Läster-Seite über eine Schülerin des Canisius-Kollegs.

„Ihr seid 100% anonym“, werben die Betreiber des Internetforums.

Ohne Registrierung und vor allem ohne den eigenen Namen nennen zu müssen, scheint besonders für Jungen die Versuchung groß zu sein, Gerüchte und Diffamierungen in die Welt zu setzen – der Weg von der virtuellen in die reale des Klassenzimmers ist dabei nicht weit.

Für viele Betroffene bricht eine Welt zusammen, wenn sie im Netz lesen müssen, was die anderen über sie denken. Eine Mittelstufenschülerin des Charlottenburger Heinz-Berggruen-Gymnasiums hielt das sogenannte Cyber-Mobbing nicht mehr aus, mit ihren Freundinnen ging sie zur Schulleitung. „Die war fertig, hat fürchterlich geweint“, sagt der stellvertretende Schulleiter Dirk Kwee. Verleumdungen auf dem „Niveau von Schultisch-Schmierereien“ könnten in jungen Menschen tiefe Selbstzweifel auslösen. Nach einer intensiven Befragung der Schülerschaft sei herausgekommen, wer die Gemeinheiten über das Mädchen verbreitet habe. „Hinterher ging es dann allen schlecht.“ Doch die diffamierenden Kommentare lassen sich aus dem ewigen Gedächtnis des World Wide Webs nicht mehr löschen. Die Schulleitung wurde aktiv, warnte in einem Brief alle Eltern und sorgte dafür, dass die Jugendlichen vom Schulnetz aus nicht mehr auf die Seite zugreifen können. Seither hätten seine Schüler keine neuen Verleumdungen veröffentlicht, versichert Kwee. Er überprüfe das regelmäßig. Die Seite sei für kurze Zeit vom Netz gegangen, aber nach den Winterferien wieder aufgetaucht. Bei einem Gespräch mit den Eltern solle über mögliche Konsequenzen gesprochen werden.

Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main versucht seit Januar, die Betreiber der Seite aufzuspüren. „Der Server war vermutlich in den USA und ist jetzt vermutlich in Schweden“, sagt der leitende Oberstaatsanwalt Günter Wittig. Auch die Schüler machten sich durch ihr Verhalten strafbar: „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.“ Ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft erfuhr erst durch den Tagesspiegel von der Internetseite.

Die Politik will die Schüler sensibilisieren. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) sagt: „Gerade Kinder und Jugendliche gehen oft sehr unbeschwert mit dem Internet um.“ Auch Eltern müssten in Kursen über die Gefahren aufgeklärt werden. Am Dienstag rief Zöllner 2011 zum „Jahr der Medienkompetenz in der Bildung“ aus.

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