Berlin : Schüler-Politiker-Gespräch: Diskussion mit einem Parteisoldaten

Jeanette Goddar

Man weiß nicht so genau ob aus eigenem Antrieb oder auf Anraten der Lehrer - aber die Schüler der Gustav-Heinemann-Oberschule hatten offenbar Verdacht geschöpft: Ob die Kollegen Merkel und Merz ihn mit der Bitte, für das Amt des Regierenden Bürgermeisters zu kandidieren, nicht ohnehin nur in die zweite Liga hätten abschieben wollen, wollte die 16-jährige Christina von Wolfgang Schäuble wissen. Ob die Tatsache, dass mit Frank Steffel nun der Wunschkandidat des Altbundeskanzlers antrete, nicht eigentlich zeige, dass Kohl immer noch der heimliche Parteivorsitzende sei, fragte Jakob, 15, offenbar der notorische Querdenker im Raum. Ein Dritter, Dominik, konstatierte, der 35-jährige Steffel sei doch "nichts als eine Marionette" seines Vorgängers Klaus Landowsky und Helmut Kohls.

Schäuble wiederum, der einer Einladung von Schülern, Lehrern und dem "Deutschlandradio" in die Marienfelder Schule gefolgt war, wehrte in gewohnter Manier aber auch wirklich jeden Anwurf in Richtung seiner eigenen Partei ab: "Ehrenvoll" sei das gewesen, überhaupt gebeten zu werden. "Jeden fragt man ja auch nicht." Abschieben hätte man ihn ganz sicher nicht wollen, mit Steffel sei schlicht die Entscheidung für ein Berliner Gewächs und gegen einen Import aus Baden-Württemberg gefallen. Schließlich sei Steffel in der deutschen Hauptstadt Fraktionsvorsitzender und seine eigenen, also Wolfgang Schäubles, Verdienste um die deutsche Einheit seien "lange her". Dreimal sagte Schäuble, Steffel sei "jung"; zweimal, dass er "dynamisch" sei, und einmal, dass er in der von den Eltern übernommenen kleinen Firma schließlich bewiesen hätte, "dass er auch in der Wirtschaft was bewegen kann". Nach Helmut Kohls Rolle sei er ja schon sechs bis sieben Mal gefragt worden. "Nun verstehen Sie bitte, dass ich über Kohl nicht mehr reden will." Und: "Meine Beziehungen zu Kohl sind beendet."

Die Schüler der Heinemann-Oberschule, die wohl als eine der renommiertesten Gesamtschulen der Stadt bezeichnet werden muss, sind prominenten Besuch so gewöhnt, dass man sie getrost als Routiniers bezeichnen darf: Mit von Weizsäcker, Herzog und Rau waren sämtliche Bundespräsidenten der letzten 15 Jahre zu Gast. Wolfgang Thierse und Gregor Gysi waren schon da, aber auch Trainer Christoph Daum und Schauspielerin Katja Riemann - und natürlich UN-Generalsekretär Kofi Annan. In regelmäßigen Abständen werden Prominente eingeladen, die offenbar auch alle gerne kommen, vermutlich unter anderem, weil die Gespräche lange vorbereitet werden.

Sechs Stunden lang habe man sich mit der Person Schäubles beschäftigt, erzählt Christina Funke, sämtliche großen Interviews gelesen, Fragen formuliert und in Sachgebiete zusammengefasst, in Schäubles Fall in die vier Blöcke "Leben nach dem Attentat", "Parteispendenaffäre", "Berlin" und "Allgemeines". Und anders als das bei Politikergesprächen mit Schülern manchmal der Fall ist, kam zumindest gegen Ende auch die eine oder andere spontane Frage zustande.

Dennoch lernten die Schüler am Beispiel Schäubles wohl vor allem, dass man jemandem, dem jede vermeintlich entlarvende Frage schon hundert Mal gestellt wurde, so schnell nichts entlocken kann, schon gar nicht in Anwesenheit der Presse. Kein kritisches Wort über die Parteivorsitzende, keine auch noch so minimale Kritik an seiner Partei. Selbst als einer nur im Nebensatz konstatierte, Schäuble sei "eines der wenigen grundehrlichen Mitglieder seiner Partei" fühlte jener sich sofort zur Generalverteidigung der CDU bemüßigt.

Am Ende war es dennoch eins der erhellenderen Schüler-Politiker-Gespräche, und sei es nur, weil Schäuble zu guter Letzt die vage Möglichkeit offenließ, nichts von alldem Gesagten auch gemeint zu haben - und auch erklärte warum: "Ich wäre doch ein Tölpel, wenn ich in einer öffentlichen Diskussion erklären würde, welche Fehler Angela Merkel macht." Und, auf die Nachfrage einer Schülerin, ob ein "Parteisoldat" keine eigene Meinung haben dürfe: "Sicher habe ich eine eigene Meinung..." - diese müsse aber im Interesse der Geschlossenheit der Partei schon einmal zurückstehen.

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