Berlin : Schüler treffen Böger: Kritische Fragen unerwünscht

jago

Entweder sie hatten sich gut vorbereitet oder Berliner Schüler sind gar nicht so doof, wie gerne kolportiert wird: Die 45 Gymnasiasten, die in den Räumen der Ausstellung The Story of Berlin mit Schulsenator Klaus Böger diskutieren sollten, wussten, dass Polen das zweitgrößte Nachbarland Deutschlands ist, sie hatten eine grobe Vorstellung davon, wieviele Türken in Berlin leben und wussten auch, dass es Konrad Adenauer gewesen war, der die ersten Gastarbeiter ins Land geholt hatte. Und sie waren weit davon entfernt, das Thema der Veranstaltung "Vom großen Kurfürsten zur Green Card - Zuwanderung zwischen politischen und wirtschaftlichen Interessen" dazu zu nutzen, lautstarke Beschwerden zum Thema Überfremdung loszuwerden.

Die Schüler kamen vom Hohenschönhausener Barnim-Gymnasium, von der Tempelhofer Gustav-Heinemann-Gesamtschule und vom John-Lennon-Gymnasium in Mitte. Und sie konfrontierten, zumindest in dem Rahmen, den ihnen Moderator Hans Maierski von "Story of Berlin" zugestand, den Senator mit kritischen Fragen: Wie der Herr Böger sich das mit der Integration eigentlich vorstelle, wollte die 19jährige Claudia Gehring vom Hohenschönhauser Barnim-Gymnasium wissen. "Schließlich wissen viele ja heute noch nicht, wo sie hingehören." Tanja Brandes von der Tempelhofer Heinemann-Gesamtschule wollte wissen, was denn eigentlich getan werde, um Schüler für das vereinte Europa fit zu machen: "Freizügigkeit ist ja schön, aber bis jetzt ist der Aufwand, ein Jahr ins Ausland zu gehen doch sehr groß - und an der Sprache hapert es auch oft."

Der Senator wiederum war gar nicht unwillig, zu antworten. Er redete über Zahlen und Fakten einerseits, andererseits über hehre Ziele. Etwa, dass eines Tages jeder Schulabgänger eine Fremdsprache fließend spricht. Auch bot er am Ende den Jugendlichen an, einmal ohne Presse ihre Schule zu besuchen. Das, so erklärten die Schüler im Anschluss einhellig, würden sie auch sehr begrüßen. Erstens "könnte ich ihn dann auch mal fragen, warum bei uns dauernd der Unterricht ausfällt", sagte die Barnim-Schülerin Dayana Dreke. Zweitens bekämen sie dort vielleicht die Gelegenheit, Fragen zu stellen, die nicht zuvor den wachsamen Augen des Leiters der Ausstellung "The Story of Berlin" standhalten müssen.

Einhellig berichteten die Schüler im Anschluss, alles, was sie vorbereitet hätten, sei vorher von der Ausstellungsleitung quasi überarbeitet worden. "Absurdes Theater war das", beschwerte sich am Ende der 16jährige Alexander Eisenach. "Die wirklich kritischen Fragen durften wir gar nicht stellen. Statt dessen mussten wir hier eine Geschichtsstunde mit Pressebesuch erleben."

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