Berlin : Schüler und Eltern bei Demos gegen die Erhöhung der Wochenstundenzahl

Susanne Vieth-Entus

Einige Hundert Lehrer, Eltern und Schüler von rund zehn Schulen in Kreuzberg, Neukölln, Steglitz und Spandau haben gestern gegen die geplante Arbeitszeiterhöhung für Pädagogen protestiert. Die GEW kündigte organisierte Kampfmaßnahmen nach den Winterferien an. Zudem warnte sie vor einem erhöhten Unterrichtsausfall, da der Krankenstand in Folge der zusätzlichen Belastung steigen werde. Der Landesschulbeirat wies darauf hin, dass die Überalterung der Kollegien noch zunehmen werde, wenn weniger junge Lehrer eingestellt würden.

"Sieben Kollegen an unserer Schule sind 60 Jahre oder älter, 64 Prozent über 50", berichtet etwa Herfried Tiedge, GEW-Vertrauensmann an der Kreuzberger Carl-von-Ossietzky-Gesamtschule. In den siebenten Klassen müsse im Schnitt mit 32 Kindern gearbeitet werden, darunter vielen verhaltensauffälligen. Um auch in den Pausen den Überblick zu behalten, leisteten die Kollegen freiwillig 120 statt 30 Minuten Pausenaufsicht pro Woche. Die Bereitschaft, auf Klassenfahrt zu gehen, sei höher als an anderen Schulen, viele kämen selbst mit schweren Erkältungen zum Unterricht und engagierten sich für das anspruchsvolle Schulprofil. Tiedge sieht die Gefahr, dass die verordnete Arbeitszeiterhöhung auf Kosten des freiwilligen Engagements gehe.

Um ein Zeichen gegen die Pläne von Schulsenator Klaus Böger (SPD) zu setzen, trafen sich Lehrer der Ossietzky-Schule gestern Vormittag mit Pädagogen der Jahn-Hauptschule sowie des Hesse- und Koch-Gymnasiums zu einer Kundgebung an der Ecke Urban-/Körtestraße. Hier wurde der Autoverkehr kurzfristig behindert, ebenso am Hermannplatz, wo laut GEW etwa 400 Lehrer - unter anderem von der 8. und 36. Grundschule - zusammen mit Eltern und Schülern unterwegs waren. "Überrascht von der guten Atmosphäre des Verstehens" sei er gewesen, sagte der Lehrer Claude Mannewitz nach einer Kundgebung vor dem Steglitzer Fichtenberg-Gymnasium. Zu den rund 30 Lehrern hätten sich hier in der zweiten großen Pause rund 100 Schüler gesellt, die den Rednern applaudiert hätten. "Kein Wort von faulen Säcken" - das habe ihn richtig gefreut, so Mannewitz. Zum ersten Mal seit langem habe er das Gefühl, dass die Empörung in der Lehrerschaft anhalten werde: Alle Arbeitszeiterhöhungen der vergangenen Jahre seien ohne Protest "geschluckt" worden.

Auch GEW-Chef Ulrich Thöne war "richtig überrascht" von der kämpferischen Stimmung gestern. Er geht davon aus, dass die Proteste nach den Winterferien erst richtig losgehen werden - und zwar nicht mehr nur spontan, sondern auch organisiert. Er unterstrich, dass es um mehr gehe als um eine Stunde Mehrarbeit, da jede zusätzliche Unterrichtsstunde noch ein bis zwei Stunden Vor- und Nachbereitung koste. Wenn der Krankenstand in Folge der Mehrbelastung von fünf auf sechs Prozent steige, werde allein im Grundschulbereich der Unterrichtsausfall von knapp 20 000 auf knapp 24 000 Stunden steigen, sagt er.

Angesichts der schwierigen Aufgaben der Schule lehnt die Landesschulbeiratsvorsitzende Elisabeth Willkomm "alle weiteren Sparmaßnahmen" ab. Wenn man die Lehrer weiter belaste, würden die "kleinen Pflänzchen der Innovation" kaputt gemacht. Vor allem warnt sie vor der Überalterung der Kollegien, wenn nicht 1 000, sondern nur 500 neue Kräfte eingestellt werden könnten. Die Landesschulbeiratsvorsitzende wies darauf hin, dass am 11. März ein Sternmarsch zum Roten Rathaus geplant ist, um für bessere schulische Bedingungen zu demonstrieren.

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