Berlin : Schüler wegen Mordversuchs vor Gericht

15-Jähriger hatte nach einem Streit einen Fußgänger mit dem Auto angefahren und schwer verletzt

Kerstin Gehrke

Auf der Straße hat er den großen Macker markiert. „Was willst du?“, pöbelte er einen Mann an, der ihm wahrlich nichts getan hatte. Im Gerichtssaal aber saß Hassan (Name geändert) wie ein schüchterner Junge, der kaum Gewalt über seine Stimme zu haben schien. Vielleicht lag es daran, dass ihn die fast sechs Monate Untersuchungshaft tatsächlich beeindruckt haben. Hassan muss sich seit gestern wegen versuchten Mordes und weiterer Delikte vor einer Jugendstrafkammer des Landgerichts verantworten. Er war 15 Jahre alt, als er am Steuer des Wagens seines mitangeklagten Fußballtrainers gezielt von hinten einen Fußgänger anfuhr.

„Ich wollte ihn aber nicht töten, sondern nur leicht verletzen“, hauchte der staatenlose Jugendliche libanesischer Abstammung in den Saal. Er sei nach einem Streit unter den Yorckbrücken in Schöneberg sauer auf den Mann gewesen. In der Hektik habe er Gas und Bremse verwechselt. Aus Sicht des Verteidigers gibt es eine Erklärung: „Mein Mandant ist nicht geübt im Lenken von Fahrzeugen.“ Höchstens aus „Fahrunvermögen“ habe Hassan einen Schlenker in Richtung der Pfeiler gemacht. „Keinesfalls, um das Opfer zu zerquetschen.“ Der 24-jährige Toni L. prallte gegen die Windschutzscheibe und erlitt schwere Kopfverletzungen.

Hassan war in jener Oktobernacht zusammen mit seinem Fußballtrainer in einer Diskothek. Weil der 23-jährige V. Wodka getrunken hatte, ließ er den Jugendlichen ans Steuer. Als Hassan in der Yorckstraße an vier jungen Leuten vorbeifuhr, hupte er. „Wegen der beiden Mädchen, die da standen“, sagte der Schüler im Prozess. Einer der Männer winkte zurück. „Weil ich dachte, dass im Auto ein Bekannter sitzt“, sagte Toni L. vor Gericht. Durch die freundlich gemeinte Geste fühlte sich Hassan provoziert. Er stieg aus: „Was willst du?“, brüllte der Jugendliche. „Er führte sich auf wie der King von der Straße“, erinnerte sich L., ein Hüne von zwei Metern. Als Hassan nach einer Schubserei klar wurde, dass er L. körperlich unterlegen war, stieg er ins Auto, wendete und fuhr auf den Bürgersteig. „Erst fuhr er langsam, dann heulte der Motor auf und er kam auf mich zu“, beschrieb Toni L. die Szene. „Ich war geschockt.“ Bis heute leide er unter Angstanfällen und Schlafstörungen, sagte der Tischler. Sein Gesicht ist von Narben entstellt.

Hassan, der als Angeklagter so schüchtern wirkte, hat die Justiz bereits mehrfach beschäftigt. Der heute 16-Jährige, der sich nur selten in der Schule blicken ließ, ist wegen Diebstahls, Körperverletzung und Hehlerei vorbestraft. Im jetzigen Prozess wird ihm auch ein versuchter Raub vorgeworfen. Sechs Wochen vor der Attacke soll er in Kreuzberg einen Arzt auf der Straße bedroht haben: „Ey, hast du Handy? Ich habe ein Messer, steche dich ab.“ Aus Sicht seines Verteidigers ist der Hauptvorwurf nicht zu halten. Die Anklage sei bezüglich des angeblichen Mordversuchs ein „aberwitziges Konstrukt“. Hassan komme aus „ungünstigem Umfeld“ und sei „leicht zu erregen“. Er sei keinesfalls mit Tötungsvorsatz auf den Fußgänger zugefahren. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

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