Berlin : Schüler wollten Ausländer aus Rudow vertreiben

Die Täter warfen Brandsätze gegen Häuser von Migranten Ihr Motiv: Fremdenhass. Nun stehen sie wegen versuchten Mordes vor Gericht

Kerstin Gehrke

Mit vier Molotowcocktails waren die beiden mutmaßlichen Neonazis angerückt. Zwei der Brandsätze warfen sie zu nachtschlafender Zeit in Richtung eines Fensters im Obergeschoss. „Sie versuchten, unser Schlafzimmer zu treffen“, sagte Bayram Yildirim am Dienstag am Rande des Prozesses. Was es für ein Gefühl war, den Tätern gegenüberzusitzen? Dem türkischen Unternehmer schossen die Tränen in die Augen. „Ich weiß nicht, was wäre, wenn sie nicht gefasst worden wären.“

Sechs Wochen nach dem Anschlag am 20. April dieses Jahres auf das Haus der Familie Yildirim im Rudower Blumenviertel waren die beiden 19 und 16 Jahre alten Schüler Markus P. und Robert H. festgenommen worden. Ebenfalls aus Fremdenhass sollen sie bereits in der Nacht zum 22. März einen Anschlag in dem Viertel verübt haben. Laut Anklage hatten sie zwei Bierflaschen mit Benzin gefüllt, angezündet und auf das Haus einer bosnischen Familie geworfen. Die Brandsätze prallten an der Fassade ab.

Die beiden Schüler, die in dem Viertel aufgewachsen sind, würden Migranten als „kultivierte Wilde“ ansehen, hieß es in der Anklage. Sie hätten ihre Opfer vertreiben wollen. Die Anklage lautet auf schwere Brandstiftung – und versuchten Mord beim Anschlag auf das Eigenheim der türkischen Familie. Anders als bei ihrer ersten Tat hätten P. und H. in diesem Fall damit gerechnet, dass die Bewohner anwesend waren. Als sie mit ihren Brandsätzen das Fenster nicht trafen, hätten sie eine der verbliebenen Flaschen mit Benzin hinter eine Regenrinne geklemmt und seien geflohen. Das Nylondach eines Pavillons brannte durch, dann wurden die Flammen bemerkt.

Äußerlich wirken die Angeklagten wie unauffällige Schüler. Der eine mit Brille und dunkelblondem Zopf, der andere recht klein und noch mit kindlichen Zügen im Gesicht. Doch sollen sie zur rechtsextremen Szene in Rudow gehört haben. Einer von ihnen sei für ein halbes Jahr sogar Mitglied der NPD gewesen, der andere habe an einer Schulung teilgenommen, hieß es am Rande des Prozesses. Der Jüngere, der damals nicht mehr bei den Eltern in Rudow wohnte, soll sich inzwischen von der Szene gelöst haben.

Bei der Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit sollen Markus P. und Robert H. die Brandanschläge eingeräumt, einen Mordversuch aber bestritten haben. Sie hätten auch bei der zweiten Tat geglaubt, dass niemand zu Hause war, sollen sie beteuert haben. Bayram Yildirim wirkte sehr angestrengt, als er den Saal verließ. Der Anschlag auf sein Haus, in dem damals er, seine Frau, ein Sohn und ein Neffe schliefen, hat sein Leben verändert. „Ich kann nicht mehr richtig arbeiten“, sagte er. Angst und Schlaflosigkeit seien geblieben. Außerdem werde auf ihn Psychoterror ausgeübt: Einmal im Monat bekomme er anonyme Post mit rechtsextremen Parolen. Der Prozess wird am 9. Dezember fortgesetzt.

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