Berlin : Schüleraustausch: Zur Not sprechen die Kinder mit Händen und Füßen

Rainer W. During

"Bis Morgen", sagt San Jiaoqi und drückt ihre deutsche Freundin Charlie kräftig an sich. Erst seit acht Tagen kennen sich die beiden Mädchen, die gut 8000 Flugkilometer voneinander entfernt leben, persönlich - und schon sind sie unzertrennlich. Erstmals haben eine deutsche und eine chinesische Grundschule einen Schüleraustausch gestartet, und der Erfolg ist größer, als es die Initiatoren zu hoffen gewagt haben.

Noch bis zum 2. März sind zehn Jungen und Mädchen aus Peking mit ihren Betreuern an der Frohnauer Viktor-Gollancz-Schule zu Gast. Ende Mai starten rund ein Dutzend Dritt- bis Sechstklässler zum Gegenbesuch an die Zhi Chunli Xiaoxue (Frühlingspfad-Grundschule).

Bis die persönliche Begegnung der Kinder möglich wurde, galt es auf beiden Seiten, eine Vielzahl bürokratischer Hürden zu nehmen. Denn ist ein interkontinentaler Austausch für Oberschulen längst eine Selbstverständlichkeit, so wurde auf Grundschulebene Neuland betreten.

Chinesisch ab der zweiten Klasse

Initiiert durch privates Engagement, hatten chinesische Pädagogen 1997 mehrere Reinickendorfer Bildungsstätten besucht und mit den innovativen Frohnauer Kollegen schnell Freundschaft geschlossen. Der Schüleraustausch als Ziel der vereinbarten Kooperation schien da noch Utopie. Doch in den Folgejahren besuchten sich bereits Lehrer gegenseitig und besprachen, wie es ihnen die Kinder gleichmachen können. Verständigen können sich die Kleinen - bereits seit 1998 wird an der Gollancz-Schule Chinesisch ab der zweiten Klasse gelehrt. Derzeit nehmen knapp 50 Teilnehmer in drei Arbeitsgruppen teil.

Auch die Lehrer besuchen einen eigenen Sprachkursus. "Doch die Kinder sind uns weit voraus" sagt Schulleiterin Gudrun Borchert. Umgekehrt gibt es an der Zhi Chunli-Schule Deutschunterricht. Zunächst befürchtete Probleme beim ersten Besuch in einer anderen Welt blieben aus. Keiner der neun- bis zwölfjährigen Gäste zeigt Heimweh, noch vorhandene Sprachbarrieren werden zur Not mit Händen und Füßen überwunden.

Am Montagabend unterhielten die Besucher ihre Gastgeber bei einem Fest mit Musik. Traditionelle Melodien auf der zitherähnlichen Gu Zheng gehörten ebenso zum Programm wie "Freude schöner Götterfunken". Beim gemeinsam gesungenen Lied von der kleinen Schwalbe nahmen die kleinen Chinesen ihre deutschen Freunde schnell bei der Hand.

Auch der zehnjährige Christopher kann es kaum erwarten, zum Gegenbesuch bei seinem neuen Kumpel Xia Lin zu starten.

Der Besuch in der Familie ihrer neuen Freundin am Wochenende war für San Jiaoqi das bisher schönste Erlebnis in Berlin. In Deutschland ist der Unterricht nicht so streng wie in China, hat die Zwölfjährige festgestellt. "Man muss mit den Kindern beginnen, Kinder haben keine Hemmungen, aufeinander zuzugehen", sagt Schulrat Liu Xin.

"Weltoffenheit kann man sich nicht erlesen", sagt indes sein Reinickendorfer Kollege Dietmar Leischulte zur Philosophie der ungewöhnlichen Partnerschaft. Auch die Pädagogen haben schon einiges voneinander gelernt.

Voneinander "abgucken"

In Berlin wird viel spielerischer gelehrt, das will die stellvertretende Rektorin Li Wei "jetzt auch versuchen". Die Vielfalt des chinesischen Kunstunterrichts können sich deutsche Schulen "abgucken", findet Gudrun Borchert.

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