Schülerrandale : Die Geschichte hinter den Scherben

Die demolierte Ausstellung in der Humboldt-Universität öffnet wieder. Sie dokumentiert das Ende jüdischer Unternehmen während der Nazizeit.

Christian van Lessen
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Wertheim am Leipziger Platz war nach dem KaDeWe das größte Kaufhaus der Stadt. Die Gründerfamilie, auch das dokumentiert die...

Kalikis Bettenhaus an der Tauentzienstraße war dort, wo heute Niketown steht. Das Sortiment und die Scheiben der Betten- und Kinderwagenhandlung wurden in der Pogromnacht 1938 zertrümmert. Ein Foto zeigt einen Mann, der die Scherben zusammenkehrt. Das Bild gehört zur Ausstellung „Verraten und Verkauft“ und ging am Mittwoch bei der Schüler-Randale im Foyer der Humboldt-Universität nicht zu Bruch. Am heutigen Montagabend soll die Dokumentation über jüdische Berliner Geschäftsleute während der Nazi-Zeit wiedereröffnet werden.

Die Ausstellung ist durch die Krawalle, für die sich das Bündnis „Bildungsblockaden einreißen“ entschuldigt hat, bundesweit bekannt geworden. Auch einen symbolischen Scherbenhaufen kann man beseitigen. Für die Dokumentation haben die Universität und das Aktive Museum die Daten von 5600 jüdischen Unternehmen erforscht und Schicksale nachgezeichnet, die oft in einem Konzentrationslager endeten. Beispielhaft wird die Geschichte von 16 Unternehmen und Betrieben erzählt.

Zu ihnen zählt das Unternehmen von Karl Kutschera, der damals einer der bekanntesten Gastronome Berlins war. Ihm gehörten das Café Wien und der benachbarte  Zigeunerkeller am Kurfürstendamm. Die Nazis schossen sich schnell in Hetzartikeln ihres Parteiblattes auf ihn ein, kritisierten die angeblich fehlende Hygiene in der „Judenkonditorei“. Kutschera war gezwungen, an nichtjüdische Gesellschafter zu verpachten. Die Familie wurde 1943 deportiert, die zwei Kinder wurden in Auschwitz ermordet. Das Ehepaar überlebte, Kutschera konnte nach dem Krieg seine Lokale wiedereröffnen, wurde Ehrenvorsitzender der Gastwirtsinnung. Nach seinem Tod 1950 führte seine Frau die Geschäfte bis Anfang der siebziger Jahre fort.

Die Ausstellung dokumentiert in Firmengeschichten die schleichende Vernichtung von Existenzen, umrahmt von Fotos boykottierter oder zerstörter Unternehmen. Ob es um das mondäne Modegeschäft E. Braun neben dem alten Adlon geht, das Kaufhaus Wertheim, das Antiquariat Martin Breslauer an der Französischen Straße (heute steht dort das Regent Hotel) oder das am Alexanderplatz gelegene Kreditwarenhaus Jonass: Gezeigt wird ein breites Spektrum von Branchen, von Ausgrenzungs- und Überlebensstrategien. Das Deutsche Theater an der Schumannstraße und die Ausschaltung seines Eigentümers Max Reinhardt zeigt exemplarisch die Übernahme eines Kulturbetriebes durch die Nationalsozialisten. Die alteingesessene Eiergroßhandlung Jacobowitz an der Kreuzberger Bergmannstraße musste der „Berufsbereinigung“ weichen, die Familie konnte nur zum Teil vor der Ermordung im KZ flüchten. Die Presse freute sich auf „arische“ Ostereier. Die Ausstellung schildert auch, wie aus Geschäftsleuten, denen die Flucht gelang, gebrochene Menschen wurden.

Das Forschungsprojekt, geleitet von Christoph Kreutzmüller und Kaspar Nürnberg, wird durch eine 80 Seiten starke Broschüre ergänzt. Heute soll wieder alles an seinem Platz hängen oder stehen wie vor dem vergangenen Mittwoch, als vieles zu Bruch ging. C. v. L.

Die Ausstellung „Verraten und Verkauft“ (bis 29. November geplant) wird heute um 20 Uhr in der Humboldt-Universität Unter den Linden wiedereröffnet. Die Uni und die Jüdische Gemeinde veranstalten im Senatssaal eine Podiumsdiskussion mit der Bundestagsabgeordneten Monika Grütters (CDU), Staatssekretär André Schmitz, Levi Salomon, Beauftragter der Jüdischen Gemeinde zur Bekämpfung des Antisemitismus, und HU-Präsident Christoph Markschies.

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