Berlin : Schülerwettbewerb: Jugendliche fragen: Opa, wie war das mit dem Mauerbau?

Robert Ide

150 Tonnen Stacheldrahtzaun, 18 000 Betonsäulen, 3000 Hunde - diese Grenze war kaum zu überwinden. Trotzdem versuchten Tausende Menschen, nach dem Mauerbau am 13. August 1961 über die innerdeutsche Grenze zu klettern. Andere hatten - ausgerüstet mit Uniform und Schusswaffe - die Aufgabe, die Flüchtlinge aufzuhalten. Wer waren die Leute, die damals auf beiden Seiten standen? Was haben sie erlebt? Was hat sie bewegt? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt eines heute beginnenden Schülerwettbewerbs zum Mauerbau. Dabei sollen Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren ihre Großeltern, ihre Tanten und Onkel oder andere ältere Bekannte befragen, wie sei den Aufbau der Grenzanlagen vor 40 Jahren erlebt haben. Für die interessantesten Darstellungen gibt es Preise im Wert von 2000 Mark zu gewinnen. Veranstalter sind der Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, das Berliner Schulamt und der Tagesspiegel.

Mitmachen kann jeder Schüler der Sekundarstufen eins und zwei. Die eingereichten Texte - das können Nacherzählungen, Interviews, aber auch Teile aus Briefen oder alte Fotos sein - sollten etwa sechs Seiten lang sein. Es ist völlig egal, wer dabei befragt wird: Menschen, vor deren Haustür Absperrungen errichtet wurden, Grenzgänger aus dem Ostteil Berlins, die plötzlich nicht mehr im Westen arbeiten durften, ehemalige Bauarbeiter, Volkspolizisten oder Flüchtlinge. Wichtig ist allein die Frage, wie die Menschen im Alltag mit dem historischen Ergebnis umgegangen sind. Die besten Arbeiten werden von einer Jury ausgewählt und dann im Tagesspiegel und im Internet veröffentlicht. Zu gewinnen gibt es in jeder Altersgruppe (12-15 und 16-19 Jahre) jeweils eine Digitalkamera, ein CD-Brenner und - als dritten Preis - ein DVD-Laufwerk oder einen Discman. Einsendeschluss ist der 15. Juni. "Wir wollen, dass im Unterricht mehr Geschichten erzählt werden", sagt Gerhard Nitschke vom Landeschulamt zum neuen Wettbewerb. Der Oberschulrat findet, dass Lehrer viel stärker auf das Weitererzählen von Erlebnissen, zurückgreifen sollten. Falco Werkentin, Projektleiter beim Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, will zum Nachdenken über die Vergangenheit anregen.

Werkentin selbst hat eine interessante Geschichte zum Mauerbau zu erzählen. Er war gerade 16 Jahre alt, als Berlin geteilt wurde. In Lichtenberg ging er zur Schule, in seiner Freizeit besuchte er am liebsten die Kinos am Gesundbrunnen. Dort wurde vor jedem Film ein Werbespot der Zigaretten-Marke "Peter Stuyvesant" gezeigt. Darin sprach eine sanfte Stimme vom "Duft der großen, freien Welt". Doch von einem Tag zum andern durfte Werkentin nicht mehr in den Weddinger Kinos seinen Träumen nachhängen. Als dann mehr und mehr seiner Klassenkameraden auf Nimmerwiedersehen verschwanden, wollte auch er in den Westen abhauen. Mit Freunden kaufte er sich eine Blechschere (Drahtscheren waren damals verdächtig) und schnitt damit in einer Gartenanlage in Weißensee unzählige Drahtzäune durch - zur Übung. Am 13. November 1961, drei Tage nach seinem 17. Geburtstag, war es dann soweit: an der Kommandantenstraße in Mitte durchbrach er den Stacheldraht, kletterte über die Mauer und meldete sich aufgeregt auf der nächsten West-Berliner Polizeiwache. Der dortige Polizist gab ihm erst mal eine Zigarette zur Beruhigung, Marke "Peter Stuyvesant". Seitdem ist er Raucher.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben