Berlin : Schülerwettbewerb: Mauer-Erzählungen: Keiner traute sich nah ran

Sophie Abarbanell,Elisabeth von Hammerstein be

Berlin, 13. August 1961

Liebes Tagebuch,
heute Morgen wurde ich frühzeitig von meinem Nachbarn geweckt, der an meiner Haustür Sturm klingelte. Als ich kurze Zeit später angezogen vor meine Haustür trat, sah ich den Grund. Etwa 100 Meter von unserem gemeinsamen Wohnhaus entfernt stand eine riesige, aber noch nicht ganz fertige Mauer. Viele Leute liefen ganz aufgeregt daran entlang, um zu erfahren, wieso sie plötzlich da war. Sie trauten sich jedoch nicht so nah ran, da dort viele bewaffnete Wachen mit gefährlich aussehenden Hunden aufpassten. Ich erkundige mich bei einem der Wachmänner, der mir jedoch nicht antwortete, sondern mich hart zurückstieß. Ich habe jetzt einen richtig blauen Fleck auf meinem rechten Arm, der mich beim Schreiben behindert. Deswegen werde ich heute meinen Bericht ein wenig verkürzen.

Ost-Berlin, 7. Oktober 61

Zum Thema Online Spezial:
40 Jahre Mauerbau Fotostrecke:
Die Mauer in Bildern Liebes Tagebuch,
ich erfuhr heute Morgen, dass Freunde von mir, eine Familie mit zwei Kindern, es geschafft haben, durch einen Tunnel, den sie über Monate gebaut haben. Hätte ich doch früher davon erfahren! Dann hätte ich mitfliehen können. Schade, jetzt ist alles vorbei. Aber wenigstens haben sie es geschafft.

Ost-Berlin, 24. Dezember 61

Liebes Tagebuch,
heute ist Weihnachten. Ich habe ein riesiges Päckchen von Tante Hilde bekommen. Darin befanden sich Apfelsinen, Kaffee, Schokolade und etwas Zucker, doch leider nichts zu lesen, da wir aus dem Westen keine Bücher und Zeitungen bekommen dürfen. Nicht mal Westradio dürfen wir hören, doch manchmal tue ich es trotzdem. Doch ich bekam noch etwas: einen heimlich zugeschmuggelten Brief meines Freundes Peter aus dem Westen. Darin stand:

Lieber Bernhard
ich habe einen genialen Plan. Du musst nur mit einem Foto von Dir in die Möllendorferstraße 3 gehen. Dort erhälst Du einen gefälschten Pass auf den Namen Klaus Hinske. Alles Weitere wird Dir dort erklärt. Doch vergiss nicht, den Brief sofort nach dem Lesen zu vernichten, damit Du keine Spuren hinterlässt. Dein Peter

P.S. Frohe Weihnachten!

Ost-Berlin, 3. November 68

Liebes Tagebuch,
heute Mittag klingelte es an meiner Haustür. Es war ein Junge von sieben Jahren. Er fragte mich schüchtern, ob ich etwas zu essen für ihn hätte. Ich gab ihm eine frische, dicke Apfelsine, die ich gerade erst wieder von Tante Hilde bekommen hatte. Während er glücklich die saftige Apfelsine verspeiste, fragte ich ihn, wie er hieße, wo er wohne und wo seine Eltern seien. Er antwortete leise, dass er Tom hieße. Seine Eltern seien tot und er habe kein Zuhause. Ich habe den kleinen Jungen sofort in mein Herz geschlossen. Jetzt liegt er neben mir auf dem Sofa und schläft seelenruhig. Ich glaube, ich kann mich von ihm nicht mehr trennen, ich werde ihn wohl mit auf meine Flucht nehmen.

Ost-/ West-Berlin, 30. Juli 74

Liebes Tagebuch,
heute war der aufregendste Tag meines Lebens. Der Tag der Flucht! In der Zwischenzeit hatte ich auch für den kleinen Tom einen Pass besorgt, auf dem er Sven Hinske heißt. Am Tag davor hatte ich meine Sachen gepackt. Nach einem kräftigen Mittagessen liefen wir los, Richtung Grenzübergang "Checkpoint Charlie". Tom war ganz bleich im Gesicht und guckte mich ab und zu nervös an. Mir ging es auch nicht viel besser. Als wir am Grenzübergang ankamen, stand dort eine Menschenschlange von zirka zehn Leuten. Wir stellten uns hinten an und wurden immer nervöser. Nach kurzer Zeit stand nur noch ein Mensch vor uns. Und dann kamen wir an die Reihe. Ich zeigte unsere Pässe vor - und die ließen uns durch!!! Ich glaube, Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie glücklich ich in diesem Moment war. Auch Tom strahlte über sein ganzes Gesicht. Und hinten, ganz weit hinten sahen wir Peter und seine Frau Margit Arm in Arm, wie sie uns zuwinkten. Sie begrüßten uns überschwänglich. Als wir bei ihnen zu Hause ankamen, stießen wir alle mit einem Glas Sekt und Tom mit einem Glas Orangensaft auf unsere erfolgreiche Flucht an. Das war ein Tag, den ich nie vergessen werde.

Berlin, 9. November 1989

Liebes Tagebuch,
ich habe mich jahrelang nicht bei Dir gemeldet, denn ich hatte eine nette Zeit mit meinem Freund Peter, seiner Frau Margit und Tom, den ich jetzt adoptiert habe. Doch dieses tolle Ereignis will ich Dir nicht verschweigen: die Mauer ist gefallen!!! Eine riesige Menschenmenge hatte sich hier versammelt. Sie schlugen mit Hämmern oder anderen Werkzeugen auf die Mauer ein, um sie zu zertrümmern, oder kletterten hinüber. Manche sprangen auf ihr herum. Dazu wurde musiziert. Ich hatte mich mit Peter, Margit und Tom ein Stück von der Menge entfernt auf die Mauer gesetzt und dem lauten Jubel zugesehen. Ich werde zwar immer an die schlimme Zeit, in der die Mauer stand, denken, doch jedes Mal auch an den besonders schönen Tag des Mauerfalls. Und mit diesen Worten möchte ich Dich, liebes Tagebuch, abschließen.

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