Berlin : Schülerwettbewerb: Mauer-Erzählungen: Meine Omi war ganz schockiert

Jennifer Unruh besucht die 12. Klasse des Robert-B

Meine Omi ist eine kleine, etwas korpulente Frau im Alter von 74 Jahren. Sie hat schwarze Haare und trägt eine runde Brille. Sie wurde am 28. Dezember 1926 in Berlin-Lichtenberg geboren, als Tochter eines Handwerkers und einer Krankenschwester. Sie wuchs mit vier weiteren Geschwistern auf, zwei Schwestern und zwei Brüdern.

Sie ging acht Jahre zur Schule - als sie das erzählt, lacht sie. Sie lacht mich aus, denn ich fragte sie ganz verdutzt, ob sie denn in der Kriegszeit in die Schule ging. Ich war der Meinung, dass sie Kriegsdienste leisten musste, oder sogar alles zerbombt war. Doch sie antwortete mir mit einem Lachen: "Klar ging ich zur Schule!"

Meine Omi hat 11 Kinder und ich kenne sie nur glücklich und zufrieden. Aber ihre Geschichte vom Mauerbau erzählte sie mir eher mit gedrückten Gefühlen, denn sie lebte als Einzige ihrer Familie auf der Westseite Berlins. Es ist ein Sonntag, der 13. August 1961, als sie aufsteht und sie noch nichts vom Schicksal, was sie erwartet, weiß. Nach einem gemütlichen Frühstück geht sie zum Fernseher und schaltet ihn ein. Die Sondermeldung erschüttert sie: "Es wird eine Mauer zwischen Ost- und West-Berlin errichtet."

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Die Mauer in Bildern Ich fragte meine Omi, was sie in diesem Augenblick für Gedanken hatte, doch sie saß erst mal da, und ich hatte das Gefühl, sie sei in sich gekehrt. Ihr Gesicht wurde immer ernster, und ihre Stimme immer leiser. Ihre Antwort auf meine Frage kam sehr verzögert, denn sie erklärte mir, dass die Gedanken, die man in diesem Moment hat, gar nicht zu beschreiben sind. Ihr gingen in diesem Augenblick so viele Sachen durch den Kopf, zum Beispiel, ob sie ihre Familie jemals wiedersehen würde. Auch dachten die Menschen auf beiden Seiten, dass sich die Situation nie ändern werde.

Sie erzählte auch von den Fluchtversuchen, die unternommen wurden. Sie sagte, die spektakulärsten Fluchtversuche waren in der Bernauer Straße, wo Wohnhäuser die Sektorengrenze bildeten. Menschen sprangen aus den Fenstern, seilten sich ab oder ließen sich in die Sprungtücher der West-Berliner Polizei fallen. Was ihr auch sehr zu schaffen machte, war, dass sie mit ihren Familienangehörigen nicht kommunizieren konnte. Auf der Ostseite war Kommunikation mit West-Berlinern verboten.

Meine Omi erklärte mir ganz schockiert, in einem sehr aufgeregten Ton, dass sie ihren Vater und Bruder mit Carepaketen unterstützen musste, in den Paketen befanden sich Lebensmittel und Kleidung. Schockiert war sie deshalb, weil es ihr sehr nahe ging. Die Menschen im Ostteil hatten zwar Geld, jedoch nur Ost-Geld, und damit konnte man zu dieser Zeit nicht viel kaufen. Da der Transport von Lebensmitteln und Kleidung aus dem Westen verboten war, ist im Ostteil auch nicht viel davon vorhanden gewesen.

Meine Omi machte auch Bekanntschaft mit den russischen Grenzsolaten. Damals lebte sie an der Ostdorferstraße in Berlin-Lichterfelde, dort führte die Grenze entlang. Als sie mit einer Nachbarin spazieren ging, wurden sie von russischen Soldaten mit Gewehren bedroht. Sie erzählte mir dieses sehr fassungslos, denn sie waren dort damals ja immer noch auf der Westseite Berlins. Sie erzählte mir außerdem, dass die Soldaten nicht auf sie zugekommen sind, sondern sie hatten sich erst hinter Büschen, die an der Mauer gepflanzt waren, versteckt. Man konnte sie nicht sehen, da sie ihre Tarnkleidung anhatten. Sie sagten in einem lauten, strengen Ton, dass meine Omi und die Nachbarin das Gebiet zu verlassen haben, dass es Grenzgebiet sei.

Sie erzählte mir das mit einem Gesichtsausdruck, den man gar nicht beschreiben kann. Anscheinend fand sie dieses Erlebnis so unfassbar, denn sie sagte immer wieder, dass sie sich auf westlicher Seite befand. Sie konnte nicht verstehen, warum die Soldaten die beiden Frauen, sie und die Nachbarin, wegschickten. Dieses waren die Erlebnisse zum Mauerbau von meiner Omi. Aber ihrer Schwester auf der Ostseite ging es auch nicht gut.

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