Berlin : Schülerzeitung: Ungewöhnlicher Botschafter Berlins im Internet

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" www.intercultural-times.de " lautet die Adresse der einzigen englisch-sprachigen Netz-Zeitung, die bisher in einer Berliner Schule entstanden ist. Das vor drei Jahren begonnene Projekt des Gymnasiums Steglitz ist ambitioniert: Die Schüler lernen an dem altsprachlichen, grundständigen Gymnasium Englisch erst als zweite Fremdsprache, also in der siebten Klasse. "Wir wollten etwas machen, das die multikulturelle Vielfalt an unserer auch von vielen jüdischen Kindern besuchten Schule widerspiegelt", sagt der Englischlehrer Edmund Nierlich, der die Internet-Zeitung ins Leben gerufen hat. An der Schule in der Heesestraße lernen viele Kinder aus osteuropäischen Staaten, aber auch Indonesien, Indien, Mexiko und viele andere Nationen sind vertreten.

"Da ärgert uns natürlich besonders, dass die Schule wegen eines Lehrers in Verruf gerät, der wegen ausländerfeindlicher und rechtsradikaler Tendenzen verdächtigt wird", sagt Nierlich. Zu lesen sind von Schülern geschriebene Texte etwa über die Berliner Bezirke aus multikultureller Sicht, und Interviews mit dem Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir oder mit Michael Naumann, bevor er seinen Staatsministerposten aufgab. Das Gespräch wurde auf englisch im Bundeskanzleramt geführt. "Von Naumann war ich etwas enttäuscht", sagt Nikolai, "der hat uns nicht ganz ernst genommen.

Um ihre Zeitung zu realisieren, haben Lehrer und Schüler fast alles alleine gemacht. Sogar die Kabel und Teppichleisten in den zwei Computerräumen mit 32 Plätzen samt Video- und Audioversorgung haben die Lehrer selbst verlegt. 10 000 Mark kam ihnen aus dem Kids-Programm zugute, weitere 6000 Mark haben sie als Preisgeld für einen Schülerbeitrag erhalten. Der Rest ist Eigenleistung."Wir haben dem Bezirksamt 250 000 Mark gespart", sagt Dieter Schneeweiß, ein Physiklehrer, der sich um die technische Seite der Computer-Vernetzung kümmert. Vom Ziel, alle Schulen zu vernetzen, sei Berlin noch weit entfernt: "Mit Hardware sind zwar mittlerweile fast alle Schulen ausgestattet", sagt Schneeweiß, "aber das reicht nicht." Hinzu kommen die Kosten für einen Systemverwalter. Bislang erledigen die Lehrer am Gymnasium Steglitz das in ihrer freien Zeit. "Wir Lehrer brauchen mindestens sechs Stunden in der Woche, in denen wir vom Unterricht freigestellt sind", fordert der überforderte Netz-Administrator.

Aber weil es so viel Spaß macht, machen alle weiter. Die Schülerin und Internet-Redakteurin Tania Rojas-Esponda, gebürtige Mexikanerin, hat in diesem Jahr den ersten Preis im Bundeswettbewerb Fremdsprachen erhalten. Sie und Juliane, die ein indisches Elternteil hat, schreiben gerne über kulturelle Bräuche aus anderen Ländern wie das indische Diwali-Fest im November oder den Mexikanischen Totentag im Oktober. Andere beteiligen sich an einem Fortsetzungsroman, der auch mal mit französisch-sprachigen Folgen glänzt. Über die Netz-Zeitung hat das Gymnasium Kontakt zu Jugendlichen aus Australien geknüpft, die im kommenden Jahr zu Besuch kommen. Es gibt Zugriffe von Interessenten aus Malaysia, Japan, Thailand, Island und Georgien. Sogar auf der Web-Site der Bundesregierung ( www.bundesregierung.de ) findet ein Link zur "Intercultural Times". Dass die Zeitung in englisch erscheint, hat eher pragmatische als pädagogische Gründe. Nierlich: "Englisch ist nun mal die Sprache, die in der ganzen Welt verstanden wird." Mit der Zeitung wolle man "als Botschafter Berlins nach draußen gehen". Scheint zu funktionieren.

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