Schüsse in Schönfließ : Schon die erste Kugel war tödlich

Kein Fluchtversuch und keine Notwehr: Der Beamte schoss offenbar aus nächster Nähe auf den gesuchten Straftäter Dennis J. Es gab laut Staatsanwaltschaft "keine Notwehrsituation".

Tanja Buntrock,Alexander Fröhlich
250191_0_3a8b587e.jpeg
Der vermutete Tathergang.Grafik: Anna Kroupa/Tsp, Quelle: Staatsanwaltschaft

Er saß im Auto und hörte Musik – kurz bevor ein Berliner Polizist aus seiner Dienstwaffe auf ihn feuerte: Nach den tödlichen Schüssen in Schönfließ am Silvesterabend geht die Staatsanwaltschaft jetzt davon aus, dass Dennis J. nicht einmal den Motor seines Wagens angelassen hatte, als der Zivilfahnder Reinhard R. (34) auf ihn schoss. Gleich die erste Kugel – ein Lungensteckschuss – führte zum Tod. Der unbewaffnete Dennis J. befand sich also weder auf der Flucht, als geschossen wurde, noch konnte er das Auto als Waffe einsetzen.

Zwei der drei beteiligten Beamten sollen auf den Jaguar, in dem Dennis J. saß, zugerannt sein und an den Türen gerüttelt haben. Nach einem „aggressiven Wortwechsel“, wie es hieß, stand der beschuldigte Polizist nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft auf der Fahrerseite und feuerte plötzlich „aus kurzer Distanz“ durch die geschlossene Fensterscheibe auf den 26-Jährigen. Informationen, dass der Abstand nur 50 Zentimeter betragen haben soll, bestätigten die Ermittler nicht.

Der Ablauf stellt sich nach den Erkenntnissen der kriminaltechnischen Untersuchung und der Tatrekonstruktion der Neuruppiner Staatsanwaltschaft so dar: Mit der Kugel im Körper schaffte es Dennis J. noch, den Wagen zu starten und loszufahren. Er gab Gas und fuhr aus der Parklücke heraus, prallte vorn gegen eine Hauswand, setzte zurück und stieß gegen einen Zaun. Dann fuhr er wieder nach vorne, rammte offenbar den Polizeiwagen und fuhr weiter. Währenddessen schoss der Polizist Reinhard R. weitere siebenmal. Nach etwa 200 Metern kam das Opfer mit seinem Wagen zum Stehen, wurde ohnmächtig und starb an den Folgen des ersten Schusses – „durch die Einblutung in der Brust“, wie ein Gerichtsmediziner sagte. Reinhard R. hatte sein ganzes Magazin leer gefeuert: Sechsmal schoss er auf den Wagen, eine Kugel traf einen geparkten BMW, wo die achte Kugel landete, ist bislang nicht bekannt.

Für die Staatsanwaltschaft ist klar, dass bereits der erste Schuss des Polizisten „rechtswidrig“ gewesen sei, da weder eine Notwehr noch eine Nothilfesituation vorgelegen habe. Deshalb wurde Reinhard R. am Montag in Berlin festgenommen. Gestern erging Haftbefehl wegen Totschlags gegen ihn – allerdings gegen Meldeauflagen. Das heißt, der Kommissar bleibt auf freiem Fuß, da laut Ermittlern keine Fluchtgefahr besteht.

250123_0_3a8b587e.jpeg
Tathergang im Detail. Dennis J. sitzt im Auto. Der Polizist feuert das erste Mal (1). Schwer verletzt startet J. und setzt das...Grafik: Anna Kroupa/Tsp, Quelle: Staatsanwaltschaft

In seine Wohnung in einer Siedlung in Heiligensee war er allerdings bis zum gestrigen Abend nicht zurückgekehrt. Reinhard R. und seine Ehefrau sind den meisten Anwohnern nicht bekannt. „Sie müssen erst vor kurzem hierher gezogen sein“, sagt ein Mann, der wenige Häuser weiter wohnt. Ein Nachbar beschreibt Reinhard R. als „netten Typ“ und ist erstaunt über die schweren Vorwürfe, die nun gegen ihn erhoben werden.

Schon zu Beginn der Ermittlungen waren Ungereimtheiten aufgetaucht. So war die Staatsanwaltschaft davon ausgegangen, dass der Beamte aus Notwehr auf Dennis J. schoss: Angeblich weil dieser mit dem gestohlenen Jaguar flüchtete, dabei einen Beamten rammte und am Bein verletzte. Am Abend der Tat hat es aber laut Staatsanwaltschaft noch keine Erkenntnisse gegeben, dass ein Beamter verletzt worden ist. Ein ärztliches Attest des Beamten sei erst später nachgereicht worden. „Ein Gerichtsmediziner wird nun prüfen, ob der Beamte wirklich angefahren worden ist“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt, Gerd Schnittcher.

Wie berichtet, hatten die Zivilfahnder des Wilmersdorfer Abschnitts 25 am Silvesterabend den Hinweis bekommen, dass der mit zwei Haftbefehlen (Diebstahl und Verkehrsdelikte) gesuchte Dennis J. sich in einem gestohlenen Jaguar in der Feldahornstraße in Schönfließ aufhielt. Die Beamten kannten den Gesuchten. Im Sommer 2008 wollten sie ihn schon einmal festnehmen, da wehrte sich der 26-Jährige mit Pfefferspray und entkam. Nicht ausgeschlossen also, dass die Zivilfahnder besonders eifrig waren und Dennis J. diesmal unbedingt festnehmen wollten. Die Staatsanwaltschaft wollte Rache oder Übereifer als Motiv nicht bestätigen. „Das sind reine Spekulationen“, hieß es. Fest steht, dass die Beamten sich ordnungsgemäß bei der Brandenburger Polizei anmeldeten und den Lagedienst über die geplante Festnahme informierten.

Der beschuldigte Kommissar soll die Aussage zu den Vorwürfen verweigert haben. Doch auch seine beiden Kollegen waren den Ermittlern keine große Hilfe: „Die beiden Zeugen haben uns nicht weitergeholfen, weil sie entweder nichts gesehen oder gehört haben wollen“, sagte Oberstaatsanwältin Lolita Lodenkämper. Sie beriefen sich darauf, dass es am Silvesterabend durch das Zünden von Knallern und Raketen sehr laut gewesen sei. Andere Zeugen widersprachen dem.

Der beschuldigte Beamte Reinhard R. wurde von der Polizeiführung inzwischen vom Dienst suspendiert. Ob es darüber hinaus weitere Disziplinarmaßnahmen geben wird, ist vom Ausgang der Ermittlungen abhängig. Weitere Stellungnahmen zu dem Fall lehnte die Berliner Polizeiführung gestern ab.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben