• Schulbesucher müssen Gesicht zeigen: Koalition will Videokontrollen an Schuleingängen installieren

Schulbesucher müssen Gesicht zeigen : Koalition will Videokontrollen an Schuleingängen installieren

Die Pforten der Berliner Grundschulen sollen künftig videoüberwacht werden. Das fordert zumindest die Koalition aus SPD und CDU. Schulleiter und Eltern zeigen sich skeptisch.

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Kinder spielen auf dem Flur einer Grundschule in Berlin-Wedding. Demnächst sollen Videokameras an den Schuleingängen für ihre Sicherheit sorgen.
Kinder spielen auf dem Flur einer Grundschule in Berlin-Wedding. Demnächst sollen Videokameras an den Schuleingängen für ihre...Foto: dpa

„Ich dachte, das ist ein Aprilscherz“, sagt Paul Schuknecht, Leiter der Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg und Vorsitzender der Schulleitervereinigung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Doch die Koalition meint es offenbar ernst: An allen Berliner Grundschulen soll es künftig Videogegensprechanlagen geben, zumindest an den Haupteingängen. Das sagten die Fraktionschefs Raed Saleh (SPD) und Florian Graf (CDU) am Dienstagabend.

Videoüberwachung soll Missbrauchsfällen an Grundschulen vorbeugen

Die Schultüren sollen nur zu Schulanfangs- und -endzeiten geöffnet sein. Wer zu anderen Zeiten kommt, muss klingeln. Die Sekretärinnen sollen dann auf dem Videobildschirm nachschauen, wer hinein möchte. Die technische Ausstattung aller Grundschulen soll laut Koalitionsfraktionen schätzungsweise 800 000 Euro kosten. Videogegensprechanlagen gehören zu einem Konzept, mit dem die Sicherheit an Schulen erhöht werden soll. Künftig soll es an den Schulen auch Hausmeisterassistenten geben, die für zusätzliche Sicherheit sorgen sollen und mit Mitteln aus dem Programm „Berlin Arbeit“ vom Jobcenter finanziert werden.

Nach Auskunft des CDU-Bildungsexperten Stefan Schlede sind die Beschlüsse eine Reaktion auf mehrere Missbrauchs- und Gewaltvorfälle an Berliner Schulen. Im März 2012 hatte ein Mann ein achtjähriges Mädchen auf einer Schultoilette in Gesundbrunnen sexuell missbraucht. Im Februar dieses Jahres erzählten Mädchen einer Grundschule im Prenzlauer Berg, dass ein Unbekannter sie auf der Schultoilette belästigt habe.

Grundschulverband bevorzugt Pförtnerlogen

Mit der Videoüberwachung sei das Problem aber nicht zu lösen, sagt Schulleiter Schuknecht. An seiner Schule etwa gebe es rundherum Zäune, die leicht überwunden werden könnten. Ohnehin handele es sich bei den meisten Konflikten um Auseinandersetzungen zwischen schulfremden und schuleigenen Jugendlichen, und diese fänden in schlecht einsehbaren Ecken des Außengeländes statt und nicht im Gebäude.

Auch Inge Hirschmann, Leiterin der Heinrich-Zille-Grundschule und Sprecherin des Grundschulverbandes, hält es an ihrer Schule kaum für machbar, dauerhaft alle Eingänge verschlossen zu halten: „Unser Hort ist bis 18 Uhr offen. Zu diesem Zeitpunkt sind die Sekretärin und der Hausmeister nicht mehr da. Wer soll da noch die Videoanlage bedienen?“ Die Sicherheit an Schulen zu erhöhen, sei wünschenswert, jedoch seien Pförtnerlogen am Eingang und generell mehr Personal effektiver.

Die Grünen fordern mehr Schulpersonal statt teure Videoanlagen

Landeselternsprecherin Lieselotte Stockhausen-Döring ist ebenfalls skeptisch: „Ich frage mich, wie das finanziell umgesetzt werden soll, wenn nicht einmal Geld für ordentliche Toiletten vorhanden ist.“ Mehr Personal wie etwa die Hausmeisterassistenten sei zwar hilfreich. „Aber es wäre schön, wenn es überhaupt genügend ordentliche Hausmeister und Sekretärinnen gäbe“, sagt Stockhausen-Döring. Viele Schulen haben mittlerweile keinen eigenen Hausmeister, oft ist eine Kraft für mehrere Schulen zuständig.

„Hausmeister und Sekretariate müssen gestärkt werden. Aber nicht mit Ein- Euro-Jobbern“, sagt auch Özcan Mutlu von den Grünen. Statt Geld in technische Geräte zu stecken, sollten besser mehr Sozialarbeiter eingestellt werden. Videoanlagen würden nur eine Pseudosicherheit vorgaukeln.

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