Schuldienst in Berlin : Lehrer wird man jetzt ganz schnell

Die Bildungsbehörde bietet auch Lehramtsstudenten nach dem ersten Staatsexamen an, ein berufsbegleitendes Referendariat anzufangen. Kritiker nennen das Angebot "verantwortungslos".

von und Lea Runge
Mangelware. Wegen der Pensionierungswelle der Lehrer musste Berlin fast alle Fächer zu Mangelfächern erklären.
Mangelware. Wegen der Pensionierungswelle der Lehrer musste Berlin fast alle Fächer zu Mangelfächern erklären.Foto: dpa

Um den Lehrerbedarf für die nächsten Jahre zu decken, versucht die Schulverwaltung jetzt offenbar, so viele junge Kräfte wie möglich direkt nach dem Universitätsabschluss als Lehrer zu verpflichten – und zwar ohne Umweg über ein herkömmliches Referendariat.

Lehramtskandidaten, die gerade ihr erstes Staatsexamen bestanden haben und sich für ein Referendariat bewerben, bekommen derzeit Briefe von der Senatsbildungsverwaltung, in denen sie darauf hingewiesen werden, dass sie direkt unbefristet in den Schuldienst eingestellt werden können und dazu ein berufsbegleitendes Referendariat absolvieren können. „Für Sie würde das einen schnellen Abschluss der Berufsausbildung und eine daran anschließende übergangslose Weiterbeschäftigung im Schuldienst bedeuten, ohne dass später eine erneute Bewerbung erforderlich ist“, heißt es in dem Schreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt. Dem Brief ist ein Formular beigefügt, auf dem Interessenten ankreuzen können, ob sie das Angebot annehmen.

Sophie Vogt (10), Phillip Vogt (10) und Annika Max (10) auf der Kundgebung von "Bildet Berlin" am Potsdamer Platz.
Sophie Vogt (10), Phillip Vogt (10) und Annika Max (10) auf der Kundgebung von "Bildet Berlin" am Potsdamer Platz.Foto: Lea Runge

Als „absolut verantwortungslos“ bezeichnete Florian Bublys von der Lehrerinitiative „Bildet Berlin“ den Brief. Damit werde die eigentliche Aufgabe des Referendariats, nämlich, auf den Lehrerberuf vorzubereiten, ausgehebelt und die Qualität der Lehrerausbildung nehme Schaden, sagte er. Dass die Senatsbildungsverwaltung zunehmend auf Quereinsteiger setzt, kritisiert auch Landeselternsprecherin Lieselotte Stockhausen-Doering. Es müsse sichergestellt werden, dass die Bewerber für den Beruf geeignet seien.

"In Berlin bekommen Lehrer einfach zu wenig Geld"

„Bildet Berlin“ organisierten am Donnerstag eine Kundgebung vor Lehrern, Eltern und Schülern am Potsdamer Platz. Dort stellten sie Vorschläge zur Verbesserung der Schulqualität vor, etwa kleinere Klassen, bessere Personalausstattung und einen mehrmonatigen Vorbereitungslehrgang für Quereinsteiger.

Viel Jubel und Applaus gab es als die Punkte des Qualitätspakets verlesen wurden. Die Demonstranten wedelten mit Luftballons, Konfetti flog durch die Luft. Auf der Bühne sorgte eine Band für Musik zwischen den Redebeiträgen. Die Grundschullehrerinnen Kerstin Schulte und Susanne Furholt sind hier, um gegen die Sparmaßnahmen zu demonstrieren, die auf Kosten der Kinder gingen. Besonders wichtig seien ihnen kleine Klassen, die nur garantiert werden, wenn es genug Lehrer gebe. Auch die Elternarbeit komme viel zu kurz. "Die ganzen Neuerungen bringen viel Papierkram mit sich. Da bleibt wenig Zeit für die wichtigeren Dinge", sagen sie.

Jan Müller-Bagehl ist mit seiner Mutter hier. Er geht in die siebte Klasse des Paulsen-Gymnasiums in Steglitz. Er hat schon mehrere Male die Schule gewechselt. Überall gebe es das gleiche Problem: Wegen des Lehrermangels fallen viele Stunden aus. "Auf meiner alten Schule waren es manchmal sieben Stunden pro Woche", sagt der Zwölfjährige. Seine Mutter Kerstin Helling findet es grundsätzlich in Ordnung, in so einem Fall Quereinsteiger einzustellen. "Aber nur, wenn die Auswahl sorgfältig getroffen wird. Ausreichendes Fachwissen ist als Qualifikation nicht genug", sagt sie.

Der Lehramtstudent Felix Wilkens wundert sich nicht über den Lehrermangel. "In Berlin bekommen Lehrer einfach zu wenig Geld. Wenn jetzt noch die Mieten in Berlin steigen, endet es in einer Katastrophe", sagt der 29-Jährige. Als angehender Lehrer macht auch er sich sorgen um seine Zukunft. "Wenn sich nichts ändert, dann werde ich mir lieber eine Stelle in Brandenburg suchen."

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