Schule : Baden oder Büffeln

Berlin gehört mit Brandenburg zu den letzten Ländern, an deren Schulen es noch "Hitzefrei" gibt. Auch im europäischen Ausland gibt es keine vergleichbaren Regelungen.

Susanne Vieth-Entus

Sommer, Sonne, Hitzefrei – diese bei Schülern so beliebte Abfolge ist in Gefahr: Berlin plant eine Neuregelung, die den Schulen nicht mehr so streng wie bisher vorschreiben soll, unter welchen Witterungsbedingungen sie ihre Schüler nach Hause zu schicken haben. „Wir werden stärker auf die Eigenverantwortung der Schulen abheben“, kündigte Landesschulrat Hans-Jürgen Pokall gegenüber dem Tagesspiegel an. Er wollte sich aber nicht festlegen, wie weit diese Liberalisierung gehen wird.

Pokall begründet den Veränderungsbedarf mit dem neuen Schulgesetz, das vom Grundgedanken her weniger restriktiv vorschreiben will, was Schulen im Prinzip selbst entscheiden können. Die jetzige Ausführungsvorschrift, die das Hitzefrei regelt, sei eigentlich „nicht mehr in Kraft“, da sie vom neuen Schulgesetz überholt sei. „Aber sie wird noch angewendet, weil sie noch nicht durch eine neue ersetzt ist“, erläutert Pokall die kuriose Rechtslage. Im kommenden Schuljahr aber, so glaubt Pokall, werde die neue Vorschrift kommen. Das würde bedeuten, dass Berlin gerade den letzten Sommer nach der alten Hitzefreiregelung erlebt.

Bisher ist es so, dass bei 25 Grad im Schulhaus der Unterricht nach der vierten oder fünften Stunden beendet werden „soll“ – je nachdem, wie früh es heiß wird. Eine vergleichbare Regelung gibt es nur noch in Brandenburg, wie eine Tagesspiegel-Umfrage ergab. Wie berichtet, haben Bayern und Hamburg die Marge auf 27 Grad hochgesetzt, wobei sie es auch bei 28 Grad den Schulleitern letztlich selbst überlassen, wie sie damit umgehen. Schleswig-Holstein lässt zwar zu, dass bei „extremen Witterungslagen“ der Unterricht beendet werden kann, allerdings müssen die ausfallenden Stunden nachgeholt werden. Eine Grad-Angabe gibt es auch hier nicht. Auch in Sachsen, Niedersachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Hessen gehören Hitzefreiregelungen zur fernen Vergangenheit. Im europäischen Ausland von Österreich bis Frankreich und der Türkei bis Spanien gilt das Gleiche, also: kein Hitzefrei.

Die Berliner Schulen gehen sehr unterschiedlich mit der Ausführungsvorschrift um: Manche fühlen sich stark an die Soll-Formulierung gebunden und lassen Unterricht ausfallen, andere weniger, denn in einem Nachsatz steht, dass die Schulleiter eine gewisse Entscheidungsfreiheit haben, ob sie tatsächlich mit dem Thermometer durch die Schule laufen. Die Erfahrung der Eltern zeigt, dass es immer noch Hitzefrei gibt, kaum dass es etwas heißer wird. Da der Unterrichtsausfall dadurch noch mehr zunimmt, macht sich die FDP-Fraktion für eine Abschaffung der Hitzefreiregelung stark und bringt jetzt – wie berichtet – einen entsprechenden Antrag ins Abgeordnetenhaus ein. Warten, bis die Schulbehörde so weit ist, will sie nicht mehr, sagt die FDP-Schulpolitikerin Mieke Senftleben. Susanne Vieth-Entus

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