Schule : Das fliehende Lehrerzimmer

Der Senat legt Millionen bei den Gehältern für Junglehrer drauf. Viele wollen die Stadt trotzdem verlassen, zum Beispiel in Lankwitz.

Susanne Vieth-Entus
Junglehrer
Auf dem Sprung. Schulleiter Wolfgang Harnischfeger (hinten) hat Mühe, seine Junglehrer am Beethoven-Gymnasium in Lankwitz zu...Foto: Thilo Rückeis

Eine Schule wie eine Filmkulisse, mit herrschaftlichen Säulen am Eingang, drumherum ein gutbürgerliches Ambiente und nun auch noch das Schneegeglitzer: Das Lankwitzer Beethoven-Gymnasium ist ein Ort, an dem man Schüler sein möchte und auch Lehrer. Dennoch ist ein Teil des Kollegiums auf dem Sprung – und das trotz des millionenschweren Gehaltssegens vom Senat.

„Dass der Senat jetzt mehr zahlt, ist zwar ein positiver Ansatz, aber das wirkt sich nicht nachhaltig aus“, kritisiert Carsten Haase, einer der wenigen jungen Lehrer mit den Fächern Mathematik und Physik, für die in Berlin dringend Nachwuchskräfte gesucht werden. Anders als der Senat in seiner heutigen Bekanntmachung suggeriere, bekämen eben nicht alle angestellten Lehrer 1200 Euro brutto mehr, sondern nur die Neuanfänger. Wer schon ein paar Jahre arbeite und deshalb bereits in höhere „Erfahrungsstufen“ eingruppiert sei, erhalte nur rund 200 bis 300 Euro mehr als bisher. Zu wenig, meint Haase. Er geht deshalb davon aus, dass die meisten der Lehrer, die in andere Bundesländer abwandern wollen, nicht aufzuhalten sind.

Für Wolfgang Harnischfeger ist das ein Desaster. Er leitet das Beethoven-Gymnasium und hat die vielen jungen Lehrer mit guten Examensnoten, die jetzt bei ihm arbeiten, gezielt angeworben, um neue Unterrichtskonzepte auf den Weg bringen zu können. Jetzt aber ist genau dies sein Problem: Da Lehrer seit 2004 in Berlin nicht mehr verbeamtet werden, hat Harnischfeger nicht nur besonders viele junge, sondern zwangsläufig auch besonders viele nicht verbeamtete Lehrkräfte.

„An keiner anderen Schule sind so viele Lehrer auf dem Sprung wie bei mir“, sagt Harnischfeger. Denn die jungen, guten Kräfte bekommen aus anderen Bundesländern besonders gute Angebote.

So wie Nicole Behmel. Die 27-jährige Lehrerin für Deutsch und Geschichte hat bereits gekündigt: In Stuttgart kann sie im Sommer 900 Euro netto mehr verdienen. Zudem werden ihr im ersten Jahr auch noch etliche Unterrichtsstunden erlassen: „zum Eingewöhnen“. Da sie ihr Examen mit der Note 1,0 abgeschlossen hat, wird sie nicht erst nach drei, sondern bereits nach einem Jahr verbeamtet. „Außerdem wurde ich in Stuttgart nicht wie ein Bittsteller behandelt“, betont sie. Auch ihre Kollegen haben gute Gründe, mit dem Wegzug zu liebäugeln. Zum Beispiel Anke Fellmann, 35, Lehrerin für Erdkunde. Sie hat bereits eine feste Zusage aus Freiburg. „Die Stelle dort ist mir sicher“, weiß sie. Bis zum Sommer kann sie entscheiden, ob sie in Berlin bleibt oder nicht.

Auch an anderen Schulen sitzen viele Kollegen mehr oder weniger auf gepackten Koffern. „Ich habe ein Angebot aus Hamburg. Dort hilft man mir sogar bei der Wohnungssuche“, berichtet Torsten Brandes, Lehrer am Pankower Rosa-Luxemburg-Gymnasium. Für ihn springen durch die gestern verkündete Gehaltserhöhung lediglich 330 Euro mehr heraus. Und ihn stört, dass er auf Jahre hinaus nicht mehr mit einer weiteren Gehaltserhöhung rechnen kann. „Damit wird sich die Einkommensschere zu den verbeamteten Kollegen in Berlin und anderswo wieder weiter öffnen“, erwartet Brandes.

Aus diesem Grund sprach die Bildungsgewerkschaft GEW gestern von einer „Mogelpackung“: Die vom Senat beschlossene Offensive führe „nur bei höchstens 1000 angestellten Lehrkräften zu Einkommenssteigerungen von 1200 Euro brutto“, sagte die GEW-Vorsitzende Rose-Marie Seggelke. Etwa die Hälfte aller angestellten Lehrkräfte erhalte „keinen Cent mehr“, etwa 2000 erhielten zwischen weniger als 100 Euro und 700 Euro mehr, rechnet sie vor.

Nur die nach dem 1. September 2008 eingestellten Lehrkräfte befänden sich in der ersten Erfahrungsstufe und profitieren im vollen Umfang von der einseitig verfügten Gehaltserhöhung. Alle anderen seien mit ihrem Gehalt aus dem Bundesangestelltentarif in den neuen Tarifvertrag übergeleitet und in die anderen Erfahrungsstufen eingruppiert worden.

„Dieser Senatsbeschluss ist ungeeignet, die Schere zwischen der Beamtenbesoldung und der Angestelltenvergütung zu schließen. Wenig motivierend ist auch die Aussicht, während eines langen Berufslebens mit keinerlei weiteren Gehaltssteigerungen mehr rechnen zu können,“ sagte GEW-Chefin Seggelke.

Der Sprecher der Initiative „Verbeamtung. Jetzt“, Torsten Ulrich, sagte auf Anfrage, er rechne damit, dass weitere Lehrer Berlin verlassen werden. Über 130 Kollegen hätten bereits entsprechende Vorbereitungen getroffen.

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