Berlin : Schule fängt an: Streiken die Lehrer?

Ab Februar gilt die längere Arbeitszeit Heute berät die Gewerkschaft, wie sie dagegenhält

Annette Kögel

Die Schule beginnt – womöglich mit einem Streik. Gleich am ersten Schultag nach den Weihnachtsferien treffen sich heute die Spitzen der Lehrergewerkschaft GEW, um über Proteste gegen bis zu vier Stunden mehr Arbeit zu sprechen. Bei der Lehrerschaft schwankt die Stimmungslage: Die einen sind erbost und für den Streik. Die anderen sind sich ihrer Privilegien als Beamte bewusst und daher zurückhaltend. Bei einigen Lehrern regt sich stiller Protest: Sie wollen die Belastung ausgleichen, indem sie den Aufwand für Stundenvorbereitung oder Korrekturen reduzieren. Insider vermuten zudem, dass es künftig mehr Krankschreibungen gibt.

Bereits zweimal - 1992 und 2000 - wurde die Arbeitszeit an den Schulen ausgedehnt, um Kosten zu sparen. Am 1. Februar geht es nun in die dritte Runde: An Gymnasien, Gesamt- und Berufsschulen sind es beispielsweise zwei Stunden pro Woche mehr. Grundschullehrer sind nur zu einer halben Stunde zusätzlich verpflichtet. An den Kollegs, dem Französischen Gymnasium und der John-F.-Kennedy-Schule sollen es dagegen sogar vier mal 45 Minuten mehr sein. Das bedeutet 25 statt 21 Stunden Unterricht in der Woche. Die Erhöhung musste sein, da Berlin bislang unter dem Level der anderen Bundesländer lag, so die Begründung des Senats.

Man könne jedoch „Bayern nicht mit Berlin vergleichen“, sagt GEW-Pressesprecherin Sigrid Baumgardt. Und: „Wir wollen die Streikbereitschaft der Basis auf dem außerordentlichen Landesvorstand heute Abend klären.“ Die Gewerkschaft weiß viele Lehrer hinter sich: Rund 40 Prozent der 33 000 Pädagogen sind Mitglied der GEW.

Anders als in den Vorjahren gehen die Meinungen in der Lehrerschaft jedoch auseinander. „Ich würde als privilegierte Beamtin nicht wegen finanzieller Forderungen streiken“, sagt die Weißenseer Hauptschulleiterin Karla Werkentin, die noch vor zwei Jahren an vorderster Front mitdemonstrierte. Ältere Lehrer - die heute rund sechs Stunden mehr pro Woche unterrichten als noch vor zehn Jahren - hätten gar nicht mehr die Kraft, sich politisch zu engagieren, meint Hinrich Lühmann, Leiter des Humboldt-Gymnasiums in Tegel. Möglicherweise steigt die Bereitschaft, wenn die Folgen der zunächst bis Sommer begrenzten Mehrarbeit zu spüren sind: Einige Lehrer müssen sich von ihrer alten Schule verabschieden, sie werden versetzt.

Was denken Schüler und Eltern? „Angesichts der gegenwärtigen Situation unterstützen wir einen Streik nicht, auch weil dann wieder Unterricht ausfällt“, sagt Eva Hänsel, Sprecherin des Bezirksschülerausschusses Charlottenburg-Wilmersdorf. Die neue Arbeitszeit bringt für Schüler Vorteile mit sich: Mehr Kurse können geteilt, mehr Kleingruppen und Arbeitsgemeinschaften angeboten werden. Die Vorsitzende des Landesschulbeirats, Elisabeth Willkomm, plädiert für eine flexiblere Regelung. Die Elternvertreterin fordert, bei der Stundenerhöhung „nicht nach der Rasenmähermethode vorzugehen, sondern nach Fächern zu unterscheiden“. Unterdessen hoffen GEW und auch Schulverwaltung noch auf das Gelingen des Solidarpakts – dann würde ganz auf den Streik verzichtet.

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