Berlin : Schule im Umbruch: Rund 70 Schließungen in Berlin

Susanne Vieth-Entus

In den nächsten zehn Jahren plant der Senat, 67 Schulen zu schließen, davon allein 44 bis zum Schuljahr 2004/05. Auch Schulen im Westteil werden geschlossen. Dies geht aus einer Liste der Senatsschulverwaltung für den Hauptausschuss hervor, die dem Tagesspiegel vorliegt. Da der Geburtenrückgang vor allem den Ost-Teil betrifft, wird darüberhinaus ein Personalkarussell in Gang gesetzt. Bei dem werden laut Schulstaatssekretär Thomas Härtel (SPD) allein im nächsten Schuljahr 300 Lehrer aus Ost- in West-Grundschulen versetzt. Aus denen müssen dann 180 Lehrer an Oberschulen wechseln.

Hintergrund dieser doppelten Umsetzung ist, dass im Ost-Teil noch viele Lehrer unterer Klassen (sogenannte "LuK-Lehrer") unterrichten, die weder Abitur noch Hochschulstudium absolviert haben und deshalb überwiegend in den Klassen eins bis vier eingesetzt werden. Sie befinden sich zu Hunderten im Überhang, können aber aufgrund ihrer fehlenden Qualifizierung nicht an die Oberschulen umgesetzt werden, an denen Lehrermangel herrscht. Hier müssen also Grundschullehrer aus dem West-Teil einspringen, die im Hochschulstudium die Lehrbefähigung für die Klassen eins bis zehn erworben haben.

Angesichts der Finanzsituation sei es nicht möglich, den Überhang stehen zu lassen und den Oberschulen mit Neueinstellungen zu helfen, bedauert Staatssekretär Härtel. Er räumt ein, dass "dadurch natürlich Unruhe entsteht - bei Eltern und Kollegien". Es komme nun darauf an, Angebotsstrukturen an den Grundschulen "nicht kaputt zu machen". Wenn es etwa an einer Grundschule nur einen Lehrer für Frühenglisch gebe, dürfe man ihn nicht umsetzen. Natürlich würden die Personalvertretungen einbezogen.

Die Schulen sind unterdessen in heller Aufregung. "Bestimmte Lehrer können nicht ohne Weiteres ersetzt werden", betont etwa Karola Klawuhn, Konrektorin der Kreuzberger Lenau-Grundschule. Gute Projekte gingen "den Bach runter", Arbeitszusammenhänge würden zerstört, Kinder verlören ihre vertrauten Pädagogen. Zudem könne es Probleme geben, wenn Lehrer aus dem Ost-Teil, die bislang kaum mit ausländischen Schülern Kontakt gehabt hätten, gegen ihren Willen in einen Bezirk wie Kreuzberg versetzt würden. Zudem werde es zu einer "fachlichen und pädagogischen Qualitätsverschlechterung" führen, wenn etwa Kollegen, die seit zehn oder 20 Jahren an der Grundschule seien, plötzlich Französisch oder Geschichte unterrichten müssten, weil sie einst die entsprechende Staatsprüfung ablegten. Das Mindeste sei, die Lehrer zunächst fortzubilden.

Auch Özcan Mutlu, schulpolitischer Sprecher der Bündnisgrünen, fordert, dass derartige Umsetzungen nicht ohne entsprechende Fortbildungen vorgenommen werden dürften. Er fragt zudem, warum die Schulen so spät unterrichtet wurden, schließlich sei seit langem klar, wo Überhänge und wo Personaldefizite seien. Seine Fraktion lehne das Personalkarussell entschieden ab. In einer kleinen Anfrage will Mutlu unter anderem vom Schulsenator wissen, wie bestehende Schulprofile gerettet werden können.

Natürlich sei das Vorhaben für die Betroffenen eine Zumutung, aber angesichts der Finanzlage habe der Schulsenator wohl "keine andere Wahl", wenn er den Unterrichtsausfall vermeiden wolle, meint der CDU-Schulpolitiker Stefan Schlede, der annimmt, dass dies "erst der Anfang" sei.

Die Senatsprognosen besagen, dass im Schuljahr 2005/06 die Zahl der Grundschüler von jetzt 171 000 auf knapp 149 000 sinkt. 1991/92 waren es noch 206 000 gewesen. Von 1997/98 bis Juni 2000 hat die Schulverwaltung bereits 40 Standortschließungen genehmigt. Unter den 44 Schulen, die bis 2004/05 voraussichtlich aufgegeben werden, liegen 40 im Ost-Teil, darunter 26 Grundschulen. Allein Hellersdorf und Hohenschönhausen verlieren zusammen 17 Grund- und zwei Oberschulen. In Tiergarten soll eine Haupt- in Kreuzberg eine Realschule schließen, in Zehlendorf und Neukölln ist es je eine Grundschule.

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