Berlin : Schule im Widerstand

Sinkende Schülerzahlen: Ein Gymnasium in Friedrichshain findet sich nicht damit ab, vom Senat abgewickelt zu werden

Hanna Engelmeier

Elternsprecher Thoralf Kunzmann ist verärgert. „Wir haben Anfragen von 45 Familien vorliegen, die ihre Kinder beim Erich-Fried-Gymnasium anmelden wollen, und müssen sie in der Luft hängen lassen.“ Während die Anmeldungen für neue Siebtklässler an allen anderen Gymnasien längst laufen, darf die musisch-sprachlich orientierte Friedrichshainer Schule niemanden annehmen, weil sie wegen des Schülerrückgangs im Bezirk mit dem naturwissenschaftlichen Andreas-Gymnasium fusionieren soll. Doch die Schule gibt nicht auf und führt ihren seit dem Jahr 2000 dauernden Kampf gegen die Abwicklung weiter.

Um das „Auslaufen“ abzuwehren, haben Eltern beim Verwaltungsgericht einen Antrag gestellt, der die „Vollziehung des Schließungsbeschlusses“ aussetzen soll. Heute befasst sich das Gericht mit dem Antrag; nimmt es ihn an, wird die Rechtmäßigkeit der Fusion überprüft; Anmeldungen am Erich-Fried-Gymnasium wären dann noch bis zum 26. März möglich. Thoralf Kunzmann sieht in dem bisherigen Verfahren viele Fehler auf Seiten des Bezirksamtes: „Wir sind deshalb guten Mutes, dass wir Recht bekommen und doch wieder Siebtklässler aufnehmen können.“

Dieses Engagement ist in Berlin einzigartig: Keine andere der rund 125 in den vergangenen Jahren geschlossenen Schulen hat sich derart dagegen aufgelehnt, von der Bildfläche zu verschwinden. Um ihre Schule zu retten, ließen sich Schüler, Lehrer, Eltern und allen voran die langjährige Schulleiterin Heidi Antal, die inzwischen pensioniert ist, einiges einfallen: Sie besetzten nachts Klassenzimmer, schrieben Postkarten an den Schulsenator, warben in ganz Berlin um neue Schüler, veranstalteten Erich-Kästner- und Harry-PotterNächte, organisierten einen Protest nach dem anderen.

Kenner der Schule lobten immer wieder die starke „corporate idendity“, die an der Schule herrscht; auch das ungewöhnliche Selbstbewusstsein in einer zuweilen wehleidigen Bildungslandschaft. Selbst Hanna-Renate Laurien, die ehemalige Schulsenatorin und frühere Präsidentin des Abgeordnetenhauses, machte sich für die Schule stark. Vergebens. Denn das Bezirksamt ließ sich nicht von dem einmal gefassten Beschluss abbringen, weil es die kostengünstigste Variante war. Da half es auch nichts, dass das Fried-Gymnasium mit prominent besetzten Kamingesprächen von sich reden machte, sein gesellschaftswissenschaftliches Profil schärfte und das alte graue Schulgebäude mit dem Geiste des Lyrikers Erich Fried füllte.

Die Fronten zwischen Bezirksamt und Schule sind längst hoffnungslos verhärtet. „Das Bezirksamt hat uns Krawallmache vorgeworfen, weil wir uns nicht still haben abwickeln lassen“, sagt Thoralf Kunzmann. „Wir sind wirklich sehr enttäuscht, dass niemand dort in der Lage ist zuzugeben, dass die Entscheidung falsch gewesen ist und nun zurückgenommen werden muss.“

Schulschließungen sind Sache der Bezirke, müssen aber von der Senatsschulverwaltung abgesegnet werden. Dies ist längst geschehen. Auf die Frage, ob das Fried-Gymnasium denn überhaupt eine faire Chance hatte, sagt Landesschulrat Hans Jürgen Pokall: „Es geht nicht darum, ob die Schule eine faire Chance hatte, sondern darum, dass es eben zu viele Gymnasialstandorte im Bezirk gibt.“

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