Abi, und was jetzt? : Lilli auf dem Weg ins Leben

Die Frage nach dem „Danach“ nervt. Wer neue Kontinente erobern will, hat ein Ziel – keinen Fahrplan.

Wolfgang Harnischfeger
Nix wie weg. Ein paar Monate Südamerika und dann mal sehen. Die große Freiheit, die den Eltern Sorgen macht, begreift Lilli als Chance.
Nix wie weg. Ein paar Monate Südamerika und dann mal sehen. Die große Freiheit, die den Eltern Sorgen macht, begreift Lilli als...Foto: Imago

Lilli ist gerade 19 geworden und macht Abitur. Lilli ist begabt und kreativ. Seit zwei Jahren führt sie ein völlig eigenständiges Leben. Dass ihr Zimmer nur über den elterlichen Flur zu erreichen ist, war gelegentlich peinlich, aber nie wirklich störend. Lilli ist eine selbständige junge Frau. Drei Tage allein in Paris bringen sie kaum in Verlegenheit. Das einzig Erschreckende wäre ein Gang durch die Schlossstraße ohne Handy.

Die Schule hat Lilli nie sonderlich beansprucht. Im Leistungskurs Kunst bekommt man nun mal keine Hausaufgaben. Die Interpretationen für die Deutsch-Texte gab’s im Internet. Und für Mathe gab es Jens, Paul, Max und die anderen Herren, die Papa immer so argwöhnisch beäugte.

„Und was machst du nach dem Abi?“, wird Lilli oft gefragt, worauf sie inzwischen leicht gereizt reagiert, weil sie spürt, dass die Palette möglicher Antworten von Monat zu Monat enger wird. Nicht, dass ihre Eltern Druck ausüben würden. In gutbürgerlichen Familien will man den Kindern nicht mit Repressalien begegnen. Lilli ist eben so vielseitig begabt, dass sie sich nicht entscheiden kann. Mama hat Verständnis, erinnert sie sich doch schwach, dass sie im gleichen Alter Entwicklungshelferin in Afrika werden wollte, bevor man ihr klar machte, dass man selbst etwas können muss, wenn man für andere etwas entwickeln will. Derartige Wünsche liegen Lilli allerdings mindestens so fern wie der Kontinent selbst.

Lilli braucht Zeit, bevor sie Entscheidungen trifft, mit denen sie die Weichen für ihr ganzes Leben stellt. Deshalb muss sie jetzt erst mal raus aus Deutschland; die Enge und Spießigkeit hier nerven sie schon lange. Lilli will noch eine Sprache lernen – Sprachen sind überhaupt das Wichtigste heute –, und dafür will sie ein paar Monate nach Südamerika. Da wird Spanisch gesprochen, eine Weltsprache, die zu beherrschen die späteren Berufschancen um ein Vielfaches erhöht.

Was den Eltern Sorgen macht, begreift Lilli als Chance

Lilli will später nämlich in die Medienbranche, irgendetwas mit Kommunikation oder so, es muss ja nicht gleich eine eigene Sendung sein. Andererseits wäre was Handwerkliches nicht schlecht. Lilli ist nämlich geschickt mit den Händen, und für die indische Gottheit, die sie im Kunstkurs aus Speckstein geschnitzt hat, wurde sie vom Lehrer sehr gelobt. Goldschmiedin würde ihr gefallen, Umgang mit edlen Materialien, kreative Entwürfe. Papa überfallen angesichts solcher Vorstellungen gelegentlich Brutalfantasien. „Also gut, ein halbes Jahr durch die Welt tingeln, aber ab dem Sommersemester will ich Scheine sehen.“ Und wenn er von der Goldbearbeitung hört, würde er Lilli am liebsten zum Hufschmied schicken, damit sie einmal den Ernst des Lebens kennenlernt.

Lilli wird nach ihrer Reise eine eigene Wohnung beziehen. Sie wird diesen Freiraum genießen und zur Entfaltung und Selbstverwirklichung nutzen. Sie wird sich nicht unter Druck setzen und verschiedene Wege ausprobieren. Alles ist offen, alles ist möglich. Was den Eltern Sorgen macht, begreift Lilli als Chance. Wer neue Kontinente erobern will, hat ein Ziel, aber keinen Fahrplan.

Dieser Zustand des Sich-Herauslösens aus alten Bindungen und des tastenden Suchens nach Neuem entspricht ziemlich genau der ursprünglichen Bedeutung des aus dem Griechischen kommenden Wortes Utopie: „Kein Ort, nirgends“, um Christa Wolf zu zitieren. Der Duden verzeichnet unter „Utopia“ die Erklärung „erdachtes Land“, und für „Utopie“ liefert er zwei Bedeutungen: die pessimistische Variante als „unerfüllbar geltender Plan“ und den deutlich freundlicheren Begriff „Zukunftstraum“. Wünschen wir Lilli, dass ihr erdachtes Land zu festem Boden unter ihren Füßen wird und dass ihr Zukunftstraum sich verwirklicht.

Der Autor leitete bis 2009 das Beethoven-Gymnasium in Steglitz

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