Abistreiche : Anarchie zum Schulabschluss

Mal müssen sich die Lehrer verkleiden, mal wird die ganze Schule blockiert, und manchmal laufen sie aus dem Ruder: Jetzt ist wieder die Saison der Abistreiche. Für Schüler ein großer Spaß, für Lehrer vor allem Stress. Manche verbieten sie sogar.

Julia Beil
Bei Abistreichen müssen sich Lehrer einiges gefallen lassen. Mitunter nehmen auch die Schulgebäude Schaden.
Bei Abistreichen müssen sich Lehrer einiges gefallen lassen. Mitunter nehmen auch die Schulgebäude Schaden.Foto: Imago

„Ich erinnere mich, wie ich mal in meinen schwarzen Lederschuhen und mit ausgezogenem Oberhemd um unseren Sportplatz gerannt bin“, berichtet Michael Wüstenberg, Schulleiter des Lessing-Gymnasiums in Berlin-Mitte. „Merkwürdig“, mag mancher nun denken und sich die Frage nach dem Warum stellen. „Ganz normal“, werden die meisten Abiturienten entgegnen. Denn seit ungefähr zwanzig Jahren sind solche Lehrer-Schüler-Spielchen wie das Wettrennen um den Sportplatz, an dem Wüstenberg sich vor einigen Jahren beteiligt hat, eine nicht mehr wegzudenkende Tradition an deutschen Gymnasien. Beim Abistreich und in der vorangehenden Mottowoche feiern Abiturienten das Ende ihrer Schulzeit. Dabei stellen sie den Schulalltag auf den Kopf. Das ist ein Spaß für die Schüler – und Stress für viele Lehrer.

„Es ist ganz klar eine Form der Anarchie, die man da aushalten muss“, sagt Wüstenberg. Beim Abistreich gehe es nicht einfach ums Feiern des bestandenen Abiturs: „Das haben die Schüler ja bis dahin schon hundertmal gemacht.“ Der Charme der Feier bestehe für die Abiturienten vielmehr darin, die Routinen der Schule lahmzulegen. Oft geschehe das auf harmlose Art und Weise, zum Beispiel indem die Eingangsbereiche der Schule mit Luftballons blockiert würden. Trotzdem: „Für mich sind Abistreiche immer Zeitpunkte, zu denen ich achtsam bin. Denn natürlich bleiben wir als Kollegium aufsichtspflichtig, insbesondere für die jüngeren Schüler“, sagt Wüstenberg.

Der Feiermarathon beginnt viel früher

Und der Abistreich ist nur der Gipfel eines wahren Feiermarathons, der heute unter Abiturienten üblich geworden ist. Die letzte reguläre Schulwoche – in diesem Jahr war das in Berlin vor den Osterferien – wird seit vielen Jahren als sogenannte Mottowoche zelebriert. Jeden Tag verkleiden sich die Schüler dabei nach einem bestimmten Motto. Elke Wittkowski, Leiterin der Droste-Hülshoff-Schule in Zehlendorf, ist von dieser Tradition „überhaupt nicht begeistert“. Die Mottowoche finde zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt statt, zu dem noch keine einzige Abiturprüfung geschafft sei. In dieser Zeit versuchten sie und ihre Kollegen oft, wichtigen Stoff noch ein letztes Mal „in die Köpfe der Schüler zu bekommen“. Oft schwänzten die Abiturienten dann aber einfach, nähmen den Unterricht, wenn überhaupt, nur noch in den für sie relevanten Prüfungsfächern ernst. In den Pausen werde während der Mottowoche außerdem vermehrt Alkohol konsumiert. Ein weiteres Problem für Wittkowski sind die Verkleidungen der Schüler. Mal seien die nett – oft aber auch unmöglich. Mottos wie „Nutten und Zuhälter“ oder „Alte“ seien nicht nur peinlich, sondern diskriminierten zudem bestimmte Menschengruppen. „Ich kann nur warnen, aber nichts machen“, sagt Wittkowski, „Mottowoche und Abistreich sind ja keine schulischen Veranstaltungen. Die wirklich störenden Aktionen finden oft außerhalb der Schule statt, wenn die Abiturienten zum Beispiel mit dem Ghettoblaster umherziehen. Sobald so etwas auf dem Schulgelände passiert, versuche ich einzugreifen, damit zumindest der Unterricht der jüngeren Schüler nicht gestört wird.“

Bei Verboten verlegen die Schüler die Feier in den Park

Oft reagieren Schulleiter schlicht mit Verboten, wenn ihre Schützlinge es mit dem Feiern übertreiben. Der Abiturjahrgang der John-F.-Kennedy-Schule im Bezirk Steglitz-Zehlendorf wartet noch auf grünes Licht für seinen diesjährigen Abistreich. Eine Schülerin berichtet, dass der unter Umständen abgesagt werde. „Und wenn er doch stattfindet, wird es trotzdem kaum ein richtiger Streich werden. Es ist uns nicht mal mehr erlaubt, mit Wasser zu werfen“, beklagt sie. „Die Jahrgänge vor uns durften alle einen Abistreich veranstalten, die Nacht davor sogar in der Schule schlafen. Das wurde uns schon jetzt verboten.“ Auch die Mottowoche wurde an der deutsch-amerikanischen Schule von fünf auf vier Tage verkürzt. Doch auch hier gilt, genau wie Elke Wittkowski berichtet, die Devise: Dürfen die Schüler nicht auf dem Schulgelände feiern, dann tun sie es anderswo. „Wenn uns der Abistreich wirklich verboten wird, werden wir wahrscheinlich mit lauten Boxen im Park neben unserer Schule sein“, erklärt die Abiturientin weiter.

In Köln eskalierte eine Abifeier

Dass Abifeiern in den öffentlichen Raum verlegt werden, scheint ein Phänomen zu sein, das sich immer weiter verbreitet. Eine schockierende Eskalation gab es im März dieses Jahres in Köln zu beobachten, als in der Innenstadt 200 Schüler zweier Gymnasien im Zuge ihrer Abifeier aufeinander losgingen. Die Bilanz: mehrere Schwerverletzte, polizeiliche Ermittlungsverfahren unter anderem wegen Verstößen gegen das Waffengesetz, Körperverletzung und Landfriedensbruchs. War dieser Vorfall eine Reaktion auf Verbote seitens der Schulleitung? Möglicherweise, glaubt die Bonner Kulturwissenschaftlerin Katrin Bauer, die sich schon lange mit den Riten von Abiturienten in Deutschland beschäftigt. „Teilweise wurden Abistreiche verboten oder abgesagt“, sagt Bauer, „es kann schon sein, dass Köln eine Reaktion darauf war. Dass man sagt: Wir gehen aus dem Schulgebäude raus und verlagern es in den öffentlichen Raum.“

Trotz aller Unruhe, die Mottowochen und Abistreiche mit sich bringen, hat sich Michael Wüstenberg, wie er sagt, „ein Augenzwinkern bewahrt“. Dass es im Kollegium gemischte Gefühle gibt, was die Veranstaltung angeht, versteht er – „aber mir sind die Lehrer am liebsten, die auch mal mitlachen und sich für die Spielchen der Schüler gefangen nehmen lassen“. Wenn Mottowoche und Abistreich in einem vernünftigen Rahmen abliefen, könnten sie durchaus Spaß machen, ist er überzeugt.

Ein bisschen erleichtert klingt er dennoch, als er erzählt, dass in diesem Jahr niemand aus seinem Abiturjahrgang einen Abistreich mit ihm abgesprochen hat.

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