Abitur im Doppeljahrgang : Nichts wie raus

Der Doppeljahrgang feiert Abi-Abschluss. Für den Jung-Cellisten Johannes Przygodda bedeutet das Freiheit für Musik und Konzerte.

Katharina Ludwig
Weißer Lack fürs Cello. Der Musiker und Abiturient Johannes Przygodda, 18, steht vor der Hochschule Hanns Eisler in Mitte.
Weißer Lack fürs Cello. Der Musiker und Abiturient Johannes Przygodda, 18, steht vor der Hochschule Hanns Eisler in Mitte.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Auf der Empore fingern die ersten Angehörigen an ihren Videogeräten und unten im Saal einige junge Männer und Frauen an ihrer Abendkleidung. Ein Musiklehrer hört kritisch den „Bolero“ seines Schulorchesters und sogar der Schulleiter probt ein Ständchen für den Abschied. Es soll ein besonderer Nachmittag für die Rosa-Luxemburg-Oberschule aus Pankow werden, im großen Festsaal des Hotel Maritim. 186 Abiturienten und Abiturientinnen aus zwei Jahrgängen, der sogenannte „Doppeljahrgang“, verlassen gleichzeitig die Schule. Der 18-jährige Cello-Solist Johannes Przygodda ist einer von ihnen. Von dem Trubel auf der Bühne möchte er am liebsten gar nichts mitbekommen, sondern sich wie sonst bei seinen Konzerten in einem Nebenzimmer einspielen und konzentrieren.

Seine Prioritäten kannte Przygodda schon früh. Dass er Cello spielen will, weiß er, seit er das Instrument zum ersten Mal im Radio hörte, so haben seine Eltern es ihm erzählt. Mit fünf Jahren nimmt er die ersten Stunden. Seit er sieben ist, lernt er nun schon als Jungstudent an der Hochschule Hanns Eisler. Als Zehnjähriger spielt er bereits im großen Saal der Berliner Philharmonie. „Ich bin froh, dass ich die Schule relativ zügig über die Bühne gebracht habe“, sagt er. Er gehört zwar zum letzten Jahrgang einer 13. Klasse, hat aber als Schnellläufer die 8. Klasse übersprungen und deshalb trotzdem nur zwölf Jahre für das Abi gebraucht. Neben Musikstudium, vier bis fünf Stunden Üben pro Tag und Auftritten in Deutschland und international empfand er das Schulsystem mit fest eingeteilten Klassen und gleich ablaufenden Klausuren eher als starr. „Wenn man abends Konzert hat“, erzählt er, „möchte man sich danach eigentlich nicht noch um die Bio-Hausaufgaben kümmern.“ An der Rosa-Luxemburg-Oberschule hätte er aber großes Entgegenkommen von Schulleiter Ralf Treptow gefunden. Seine Fehlzeiten von rund 30 Tagen pro Halbjahr seien kein Problem gewesen, auch den Musikunterricht an der Hochschule konnte er sich anrechnen lassen. Andere Schulen seien einer individuellen Förderung nicht so aufgeschlossen, sagt Przygodda. Solche Sonderregelungen gebe es aber auch nicht, wenn man zwei Mal die Woche als Hobby reiten gehe. Er könne sich nicht erinnern, dass er je nicht Cello spielen wollte, erzählt Przygodda – und seitdem will er es auch beruflich machen.

Nicht allen Abiturienten ist schon so klar, wie es nach der Schule weitergehen soll. „So viel Möglichkeiten, einigen von euch ist noch schwindelig“ meint Herr Jung, Lehrer für Physik und Kunst, zu seinen Schülern von der Bühne des Festsaals. Von den Interessen der Schüler würden sie, die Lehrer, ja erst ganz am Ende erfahren, scherzt er. Unter Jubel hält er zum Schluss ein großes Schild mit einem Pfeil in die Höhe: „Raus“.

„Viele haben nichts davon, wenn sie so früh fertig sind“, beobachtet der junge Cello-Solist Johannes Przygodda. Manche hätten nun schon mit 17 Jahren das Abi und wollen ins Ausland – weil sie noch nicht wissen, was sie machen wollen. Für ein Au-pair-Jahr zum Beispiel seien sie noch zu jung. Andere wüssten ganz genau, was sie studieren wollen und hätten deswegen besonders unter Druck gestanden. Etwa wenn sie für ein Medizinstudium einen Notendurchschnitt von 1,0 benötigen. Acht der 186 erfolgreichen Abiturienten haben das dieses Jahr an der Schule geschafft. Ein gutes Abi wollte Przygodda weniger für die Musikhochschule, sondern „für die Freude“ und vielleicht für später als Absicherung. An der Hochschule wisse man wahrscheinlich nicht einmal, dass er ein Abi hat, schmunzelt er. Kurz hätte er überlegt seiner zweiten Leidenschaft, der Politik, nachzugehen. Die Musik sei aber doch zu schön. Jetzt möchte er reisen und viele Konzerte spielen. „Wenn man schon auf der Welt ist, dann sollte man sie auch sehen“, sagt er und nimmt seinen weißen Cello-Kasten. Katharina Ludwig

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