Akademiker : Ratlose Russen

Deutschland will akademischen Nachwuchs aus aller Welt anziehen. Doch viele ausländische Studenten scheitern an deutschen Unis.

Kilian Kirchgessner
Studenten
Vielen ausländischen Studenten fällt es schwer, Kontakte zu deutschen Kommilitonen zu knüpfen. -Foto: Ullstein/Joker

Wenn die Russen kommen und sich bei Fred Mengering auf den Besucherstuhl setzen, brauchen sie meistens Hilfe. Irgendwie klappe das in Berlin nicht richtig mit dem Studium, klagen sie, das Semester sei viel zu wenig organisiert und überhaupt fehle es ihnen an Orientierung. „Die meisten russischen Studenten“, sagt Mengering, „sind von zu Hause strikte Vorgaben gewöhnt, wann sie was und wo lernen sollen. Dass sie sich das hier frei einteilen können, das ist für viele unvorstellbar.“ Fred Mengering ist an der TU Berlin für die Betreuung der ausländischen Studenten zuständig – und ist häufig die letzte Rettung für viele Ausländer, die über kulturelle Hindernisse stolpern.

Die TU, die mit gut 20 Prozent den höchsten Ausländeranteil unter den drei großen Berliner Universitäten hat, ist keine Ausnahme. In ganz Deutschland stehen ausländische Studenten häufig vor großen Problemen – zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung des Hochschulinformationssystems (HIS) im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Um die 50 Prozent der ausländischen Studienanfänger brechen ihr Studium in Deutschland ab, viele andere beißen sich nur mit Mühe und Not durch. „Diese hohe Abbrecherquote hat katastrophale Folgen für die Reputation des Bildungsstandorts Deutschland“, warnt Ulrich Heublein vom HIS: „Wir wollen gezielt kluge Köpfe aus dem Ausland holen – doch die, die dann tatsächlich kommen, fühlen sich oft hoffnungslos verloren.“

Es geht dabei nicht um die Kinder von Migranten, die schon mit dem deutschen Schulsystem ihre Erfahrungen gemacht haben, sondern um jene Ausländer, die erst für ihr Studium nach Deutschland kommen. Wie erfolgreich ihre studentische Karriere verläuft, hängt entscheidend davon ab, wie gut sie sich an der Universität aufgehoben fühlen. „Wichtig ist dafür der gute Wille der ausländischen Studenten, aber ihre deutschen Kommilitonen und die Lehrenden haben auch eine Bringepflicht“, sagt Ulrich Heublein vom HIS. Noch deutlicher wird Reinhold Billstein vom DAAD: „Für die Hochschule ist es eine Titanenaufgabe, die ausländischen Studenten gut zu integrieren.“

Wie gut die Einbindung gelingt, hängt stark von der Herkunft der Studenten ab. „Je größer der kulturelle Unterschied zu Deutschland ist, desto schwieriger ist es, sich hier einzugewöhnen“, sagt Günter Schepker, vom Akademischen Auslandsamt der Freien Universität. Vor allem asiatische Studenten haben häufig Probleme: Sie ziehen sich gerne in Cliquen zurück, die von ihren Landsleuten dominiert sind – und verpassen so den Anschluss an das deutsche Studentenleben. In Berlin, wo Menschen vieler Nationalitäten leben, ist diese Gefahr zwar besonders groß, sagt Ursula Hans von der Humboldt-Universität: „Gleichzeitig kriegen die Studierenden von Landsleuten aber konkrete Hinweise zum Leben in Deutschland, was die Chance auf ein erfolgreiches Studium erhöht.“

Nicht nur deshalb halten Experten die Situation für ausländische Studenten in Berlin für besser als in kleineren Städten. „Berlin hat eine unglaubliche Anziehungskraft auf junge Menschen“, sagt Günter Schepker von der FU. Seit seine Hochschule zur Elite-Uni gekürt worden ist, stimme auch das akademische Image. Deshalb könne man sich die ausländischen Studenten aussuchen. Nur die guten Bewerber, die sprachlich, aber auch fachlich bestens auf das Studium in Deutschland vorbereitet seien, hätten überhaupt eine Chance auf den begehrten Studienplatz.

Heile Welt dürfte aber auch in Berlin nicht herrschen. Gerade einmal ein Drittel der ausländischen Studenten hat täglichen Kontakt zu einheimischen Kommilitonen, haben die HIS-Forscher herausgefunden. Fast 40 Prozent sprechen seltener als einmal pro Woche mit deutschen Studenten. Für die Studie wurden 2000 ausländische Studenten in Aachen und München befragt. Vergleichbare Probleme, da sind sich die Forscher sicher, gibt es überall in Deutschland. „Viele Ausländer sprechen zum Ende ihres Studiums hin schlechter Deutsch als am Anfang, weil sie zu wenig integriert waren, um ihre Sprachkenntnisse zu entwickeln“, sagt Untersuchungsleiter Ulrich Heublein. Je schlechter die ausländischen Studenten integriert sind, desto weniger verstehen sie von dem, was Dozenten vortragen. Das Selbstbewusstsein leidet ebenfalls: Von den Studenten, die weitgehend isoliert leben, beteiligt sich gerade einmal ein Viertel aktiv an den Seminaren. Die Quote unter den gut integrierten Ausländern liegt dreimal höher.

Die Berliner Hochschulen versuchen deshalb, die ausländischen Studenten schon früh mit den hiesigen Gepflogenheiten vertraut zu machen. „Immer zum Semesteranfang bieten wir eine interkulturelle Vorbereitungsveranstaltung an“, sagt Ursula Hans von der HU. In kleinen Gruppen werden die Neulinge von erfahrenen Kommilitonen in die Tücken des deutschen Studiensystems eingewiesen. Und damit die ausländischen Studenten auch in ihrer Freizeit in Kontakt mit Deutschen kommen, haben die Hochschulen „International Clubs“ eingerichtet.

Tatsächlich ist die Integration gerade auch für die Deutschen eine Herausforderung. Gerade einmal jeder Fünfte hat regelmäßigen Kontakt mit ausländischen Kommilitonen, hat das HIS herausgefunden. Um eine bewusste Kontaktvermeidung handele es sich in den meisten Fällen zwar nicht – „aber eben auch nicht um eine bewusste Kontaktsuche“. Dabei spricht sich mehr als die Hälfte der deutschen Studenten dafür aus, dass ihr Studiengang internationaler wird. „Wir können ein riesiges Potenzial heben, wenn wir diese beiden Pole zusammenbringen“, sagt Heublein. Seiner Einschätzung nach braucht man dafür nicht einmal aufwendige Konzeptionen. Den ersten Schritt könne jeder Professor selbst gehen, indem er die Ausländer im Seminar gezielt als Experten für ihr jeweiliges Heimatland anspricht. „Durch deren Berichte machen die Deutschen Auslandserfahrungen, selbst wenn sie ihr ganzes Studium an der Heimatuniversität verbringen“, sagt Heublein. „Und die ausländischen Studenten können sich danach besser ins Gespräch einklinken.“

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