Albert-Schweitzer-Gymnasium in Neukölln : Das Wunder vom Hermannplatz

Vor zehn Jahren stand das Albert-Schweitzer-Gymnasium vor der Alternative: Schließen oder Neuanfang. Der Direktor baute die Schule radikal um, und inzwischen hat sich die Schülerzahl verdoppelt.

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Drei vom Albert-Schweitzer-Gymnasium. Emmelys Vorfahren stammen aus Südamerika, Rasim sagt: „Ich bin kein Deutscher, aber Berliner.“ Ihr Lehrer Thomas Pieckenbrock kommt aus Ostwestfalen und hat lange in Japan gelebt.
Drei vom Albert-Schweitzer-Gymnasium. Emmelys Vorfahren stammen aus Südamerika, Rasim sagt: „Ich bin kein Deutscher, aber...Foto: Susanne Ehlerding

In der Aula des Albert-Schweitzer-Gymnasiums nahe dem Hermannplatz wird Schulleiter Georg Krapp in den Ruhestand verabschiedet. Als er vor zehn Jahren seinen Dienst antrat, sah es nicht so aus, als ob die Schule eine gute Zukunft haben könnte: Noch 300 Schüler und kaum Neuanmeldungen. Nur 14 Schüler eines Jahrgangs schafften es bis zum Abitur. „Damals standen wir vor der Alternative, die Schule zu schließen oder einen Neuanfang zu wagen“, sagt der ehemalige Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) in seiner Ansprache. Inzwischen hat sich die Schülerzahl verdoppelt.

Einer der wichtigsten Schritte auf diesem Weg war die Entscheidung, das erste Ganztagsgymnasium Berlins zu werden. Der zweite Schritt: Es gibt ein Sprachbildungskonzept. Alle Lehrer haben die Aufgabe, besonderes Augenmerk auf die sprachliche Entwicklung zu legen. Dazu gehört, am Wortschatz der Schüler zu arbeiten, aber auch Poetry-Slams und Schreibwerkstätten mit Autoren.

Georg Krapp hatte vorher die Deutsche Schule in Prag geleitet. Wenn sich tschechische Schüler zum deutschen Abitur führen lassen, warum nicht auch Neuköllner? Es dauerte vier Jahre, bis Krapp sein Konzept als Schulversuch umsetzen konnte. „Wer einen Deutschkurs braucht, gehört nicht auf ein Gymnasium!“, hieß es damals, berichtet Buschkowsky.

Im Rahmen des Schulversuchs gibt nun seit sechs Jahren Hausaufgabenhilfe und individuelle Betreuung während der Mittagszeit. Drei Sozialarbeiterstellen werden aus dem Programm Soziale Stadt bezahlt, eine von ihnen wird auf Coaches aufgeteilt. Sie unterstützen die Sozialarbeiter und machen Freizeitangebote.

Die zusätzlichen Lehrer kosten so viel wie fünf Plätze im Jugendknast

Die drei Lehrerstellen für die Unterstützung in der Mittagszeit bezahlt das Land. „200 000 Euro kosten sie, so viel wie fünf Plätze im Jugendknast“, rechnet Buschkowsky vor. Inzwischen machen jährlich 100 Schüler an der Schule das Abitur. „Es sind auch Einser vor dem Komma dabei“, sagt Georg Krapp stolz.

Er selbst hat – ähnlich wie seine Schüler – eine Bildungskarriere gemacht, auch seine Eltern waren keine Akademiker. „Die Jungs gehen zum Gymnasium, denen soll es mal besser gehen“, bestimmten Vater und Mutter Krapp damals in Franken. Die Zuwanderer denken heute genauso, sagt Krapp. „Wenn wir unsere Abiturfeiern machen, mieten wir einen Kinosaal. Unsere Aula wäre dafür viel zu klein.“ Dann kämen die Schüler mit der ganzen festlich gekleideten Familie. „Sie wissen, was ihre Kinder erreicht haben und sind unglaublich stolz.“

Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten. „Manchen können wir auch mit großer Anstrengung nicht helfen“, sagt Krapp. Das Problem sei dann meist die fehlende Arbeitsbereitschaft. Diese Schüler hätten aufgrund der staatlichen Transferleistungen eine Konsummentalität entwickelt. „Sie haben erfahren, dass man nur wissen muss, wie man den Antrag ausfüllt. Dass es auch erarbeitet werden muss, ist in manchen Köpfen nicht drin“.

Statt einem Jahr gab es zwei Jahre Probezeit

„Faulheit“ nennen es die Schüler eines Mathekurses in der 11. Klassenstufe, wenn man sie fragt, warum manche aufgaben. Wie wichtig die Sprache ist, wissen alle. „Das ist die Grundlage“, sagt ein Mädchen. „Ich kenne viele Leute, die seit Jahrzehnten hier sind und kein Deutsch können, „meine Eltern zählen auch dazu“, sagt ein Junge. Seine Mitschüler lachen, offenbar hat er einen Punkt getroffen. Für diesen Jungen war es wichtig, dass es an seinem Gymnasium eine verlängerte Probezeit gibt, sagt er: Die schwächeren Schüler müssen nicht schon nach einem Jahr gehen, sondern bekommen zwei Jahre Zeit, um sich zu beweisen.

„Die Integration scheitert oft an den Leuten selbst. Sie denken, der deutsche Staat gibt ihnen alles, und sie müssen nichts dafür machen“, sagt ein Schüler in einem Physikkurs in der 12. Klasse. Umgekehrt wissen die Schüler genau, wie misstrauisch sie beäugt werden: „Der Begriff Migrationshintergrund, das ist direkt der Anfang, dass man was falsch macht und Leute in eine gewisse Ecke packt“, sagt ein junger Mann. „Ich bin hier geboren und habe einen deutschen Pass, warum muss ich mich so betiteln lassen?“, fragt ein Mädchen. Ihr Mitschüler Rasim wiederum sagt: „Ich bin integriert, aber ich bin kein Deutscher.“

Manche haben auch schon Rassismus erfahren: „Wenn ein Schwein in einem Pferdestall geboren wurde, ist es noch lange kein Pferd“, musste sich ein Schüler im Praktikum sagen lassen.

Man sollte aber nicht nur die negativen Seiten betrachten, sagt eine seiner Mitschülerinnen. „Wir haben auch viele Vorteile. Zum Beispiel sucht die Polizei Leute mit zwei, drei Sprachen. Das sind Fähigkeiten, die wir nutzen können und die uns ganz weit bringen werden“, sagt sie selbstbewusst. Auch Emmely setzt sich ab vom Klischee: „Meine Eltern haben immer darauf geachtet, dass ich in der Schule gut mitmache“, sagt sie.

Bei ihrem Lehrer Thomas Pieckenbrock können die Schüler mit Verständnis rechnen. Aus seinen beruflichen Stationen in China und Japan weiß er, wie es ist, in einer Kultur fremd zu sein. Die vier Kinder, die Pieckenbrock mit seiner japanischen Frau hat, kennen es auch. „In Japan bin ich der Amerikaner und in Deutschland der Chinese. Und keins davon bin ich wirklich“, hat sein Sohn einmal gesagt. Pieckenbrock selbst hat eine Karriere bei Nokia gemacht, bis der Konzern in Schieflage kam. Am Schweitzer-Gymnasium begann er als Quereinsteiger.

Der Schulversuch läuft aus

Ein Wermutstropfen fällt allerdings in den Abschied von Georg Krapp. Der Schulversuch läuft aus. Der Senat konnte sich nicht entscheiden, ihn in die Regelform zu überführen. Denn die Konsequenz wäre gewesen, dass alle Ganztagsgymnasien die zweijährige Probezeit hätten beanspruchen können. Das Gleiche gilt für die drei Extrastellen. Diese Lehrerstunden für die Hausaufgabenbetreuung und die individuelle Förderung werden nun nach und nach wegfallen.

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