Albert-Schweitzer-Schule : Das verwandelte Klassenzimmer

Die Albert-Schweitzer-Schule ist das erste Ganztagsgymnasium Berlins. Wir begeben uns auf Zeitreise mit einer Ex-Abiturientin.

Es riecht noch so wie früher. Die Pausenklingel schrillt wie damals. Diesen bunten Turm mit dem „Peace“-Schriftzug vor der Schule, den haben wir damals mit aufgebaut, und die bunten Mosaiksteine, die den Boden schmücken, dem Steinmetz angereicht. Den kleinen Park vor der Schule an der Karl-Marx-Straße 14, einst ein öder Parkplatz, hat unser Jahrgang erkämpft. Was waren wir stolz! Die Schweitzer ist immer noch meine Schule, auch ein Vierteljahrhundert danach.

25 Jahre ist das her, Abi 1982, und nun ist es wieder höchste Zeit für einen Besuch. Denn die Schule schreibt Geschichte. Es ist die Geschichte eines einstigen Vorzeigegymnasiums, das dann mangels Nachfrage von Schließung bedroht war und nun als erstes Gymnasiums der Stadt Ganztagsschule sein und bleiben will.

Nicht jeder durfte rein

Ende der 70er Jahre war es nicht leicht, Schweitzer-Schülerin zu werden. Viele Familien wollten ihre Kinder hierher schicken, auch welche aus den gutbürgerlichen Neuköllner Stadtteilen Rudow und Buckow. Unsere Klasse 7 l war geschlossen von der gymnasialen Vorbereitungsschule, der Silberstein-Grundschule, aufs Gymnasium gewechselt. „Der Buchstabe L, was bedeutet denn das?“, fragt Siebtklässler Tolga Karatuzla, der die Fremde im Flur neugierig angesprochen hat. L wie Latein. Heute ist das an der Schweitzer-Schule eine wenig gefragte Sprache. Griechisch wurde ganz gestrichen. Stattdessen gibt es eine Spanisch-Spezialisierung – und Französisch.

Rozerin Karaben und Ceyda Cifti, beide 13 Jahre alt, gehen in die Klasse 7f1. Heute sind sie typische Schweitzer-Schülerinnen: Beide haben Eltern, die aus der Türkei kommen, beide sind aber deutsche Staatsbürgerinnen. Wer in eurer Klasse hat denn Eltern aus der Türkei, aus Polen, aus dem Libanon, aus Russland? Die Siebtklässlerinnen fangen an, die Kinder aufzuzählen. Und Schüler mit deutschen Eltern, die schon in Berlin geboren wurden? Langes Nachdenken. Es sind vier von 22.

Herkunft ist unerheblich

Solche Fragen hört Schulleiter Georg Krapp nicht gern: Die Herkunft spiele unter den Kindern keine Rolle, und sie soll es fürs soziale Miteinander auch gar nicht, sagt er. Laut Statistik haben 84 Prozent der 450 Schüler Migrationshintergrund, wie das so schön heißt. Und vor 25 Jahren? Mit fällt kein einziger Klassenkamerad ein, dessen Eltern nicht aus Deutschland stammten. In der Oberstufe waren es, so die Erinnerung, zwei Mitschüler, und die für uns damals ungewöhnlichen Namen sind noch heute präsent: Suha Danisman, der Vater Arzt, und Jasmin Sayed, die Mutter Lehrerin an der Schweitzer. Heute sind viele der Eltern aus dem Nordneuköllner Kiez arbeitslos, Hartz-IV-Empfänger. „Dass die Kinder Eltern aus der Türkei oder der arabischen Welt haben, heißt doch aber nicht, dass sie etwa weniger interessiert und liebenswert und intelligent sind“, sagt Schulleiter Krapp.

Und doch haben die Schüler darunter zu leiden, dass sie zwischen zwei Welten aufwachsen, dass sie etwa zu Hause Russisch sprechen, aber gar nicht Kyrillisch schreiben können. Oder dass die Mutter nur Türkisch mit ihnen spricht – und sie weder in der einen noch der anderen Sprache richtig konjugieren und deklinieren können und eigentlich nur die Realschulempfehlung mitbringen. Das weiß auch Emel Siakiroglu. Die Studentin der Erziehungswissenschaften an der TU hat einen besonderen Job an der Schule. Sie ist Betreuerin, Helferin, Aufpasserin, Nachhilfelehrerin und Mutterersatz in einem. Sie hält mittags in der Cafeteria zwischen Burger, Börek und Waffeln die Stellung. Damals gab es nur einen ollen Kakaoautomaten. Keine „Mozart rappt“-Kurse, sondern Schulchor und Musical-AG. Auf dem alten Raucherhof finden heute sogar Open-Air-Kinoabende statt.

Angebote rund um den Unterricht

In der Cafeteria passt die griechischstämmige Emel Siakiroglu auf, trägt die Anwesenheit in Vokabelheftchen ein. In der alten kleinen Turnhalle haben wir damals in der Schulvolleyballmannschaft und bei NSC Südstern 08 gepritscht. Sieht noch aus wie früher, nur die Duschen sind kaputt. Es gibt ja auch eine neue Halle. In der alten achtet der 23-jährige Maschinenbaustudent Mohamed Attaya mittags darauf, „dass die Jungs sich beim Fußball nicht schlagen oder fluchen“. Er bekommt alles mit, spricht Türkisch, Arabisch und Deutsch. Emel und Mohamed sind zwei von acht Betreuungskräften, die das Türkisch-Deutsche Zentrum e. V. vermittelte, sie sind während des sogenannten Mittagsbandes von 12.35 bis 14.30 Uhr für die Schüler da. Sie helfen bei den Hausaufgaben und fördern die Kinder unabhängig vom Leistungslevel. Gut für die Noten und das Gemeinschaftsgefühl. „Ich stand in Mathe früher drei, jetzt habe ich eine Zwei“, sagt Rozerin aus Tempelhof.

Ein Erfolgsrezept für die Schüler – und für die Schule. 2005 gab es gerade noch 45 Neuanmeldungen für die 7. Klasse; bis zu 30 der rund 120 Schüler eines Jahrgangs schafften die Probezeit nicht. Einige Eltern strengten sogar Klagen an, um ihre Kinder bloß nicht auf die Schweitzer-Schule zu schicken. Seitdem es den Ganztagsbetrieb gibt, ist diese Tendenz aber gegenläufig. Zuletzt gab es sogar 96 Neuanmeldungen, freut sich Schulleiter Krapp. Auch deutsche Muttersprachler sind darunter. Und doch ist das Konzept des Ganztagsgymnasiums gefährdet. Für dieses Kalenderjahr bewilligten Neuköllns Bürger vom Quartiersmanagement-Beirat 35 000 Euro über den Europäischen Sozialfonds für die Honorare. Und danach? „Wir hoffen so sehr, dass die Bildungsverwaltung mit der Regelfinanzierung einsteigt“, sagt Krapp. Ob es dazu kommt, ist völlig unklar.

Nicht Wissensvermittler, sonder Vaterersatz sein?

Die 33 Lehrer, die nicht alle freiwillig in Nordneukölln sind, können die Schüler allein nicht im gleichen Maße fördern. „Man muss heute nicht mehr nur Wissensvermittler sein, sondern viel mehr Vaterersatz als früher“, sagt Lehrer Axel Zibell, 57. Er ist seit 30 Jahren hier, seit 20 Jahren Vertrauenslehrer. „Wir mussten schon Mädchen wegen des Erziehungsstils aus ihrer Familie herausnehmen.“ Die heutigen Schüler seien ebenfalls liebenswert und dankbar; über schwere Gewaltprobleme müsse die Schülerzeitung „Déjàvu“ nicht berichten.

Damals, zu Zeiten des „Schweitzer Käseblatt“, gab es Berichte über hundert Schüler und mehr, die Abitur machten. 2006 hielt das Gymnasium mit gerade 15 Abiturienten Berlins Negativrekord – aber alle schafften das Abi. In diesem Schuljahr waren es schon wieder 24. Auch hier: Tendenz steigend. „Damals, vor 25 Jahren, was war das noch traumhaft“, erinnert sich Schulhausmeister Schran. „Sie haben früher hier Abi gemacht?“, fragt ein Mädchen mit Kopftuch und hört sich alles an über die alte Zeit. Dann aber platzt es selbstbewusst aus ihm heraus: „Aber wir sind heute die Jugend; und wir sind toll!“ Von Anette Kögel

TRADITION

Als „Städtische Höhere Mädchenschule Rixdorf“ wurde das heutige Albert-Schweitzer-Gymnasium am 21. Oktober 1907 gegründet. Aus dieser Zeit stammt auch das Mosaik (s. o.). Zwischenzeitlich hieß die Lehranstalt Agnes-Miegel-Schule, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie Oberschule Wissenschaftlichen Zweigs und nach Albert Schweitzer benannt (s. u.).

JUBILÄUM

Wer das Jubiläum mitfeiern will: Ehemalige können sich anmelden bei julia_balyazina@ass-berlin.de oder jan_bruenig@ass-berlin.de. F.: Kitty Kleist-Heinrich

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