Schule : Alte Liebe – neues Glück

Eigentlich fährt eine Surferin gut mit dem Citroën Berlingo. Doch dann kam der Skoda Roomster und buhlte um die ungeteilte Aufmerksamkeit

Annette Kögel

Man könnte sagen, wir führen eine stabile Beziehung – bei Autos klappt das mitunter eher als im wirklichen Leben. Lange wurde nach dem passenden Pendant gesucht, Prospekte gewälzt, gespart, die Vorfreude genossen. Der Citroën Berlingo ist maßgeschneidert. Von außen sieht er fast geländemäßig bullig aus, das bilde ich mir jedenfalls gerne ein. Drinnen gibt es unglaublich viel Platz und Fächer mit Stauraum für die Windsurfausrüstung. Die Sitzposition ist herrlich erhaben, und das sanfte Fahrgefühl bremst einen in der Alltagshektik immer wieder schön runter. Von der bassigen Musikanlage mal ganz zu schweigen, aber die gibt es ja nicht ab Werk.

Doch dann fiel der Blick plötzlich auf einen Konkurrenten. Skoda Roomster, das klingt ja schon nach ganz viel Raum und nach einen neuem Star. Und erst die Optik: Noch moderner, noch sportlicher. Hat der Neue eine Chance?

Leicht würde das nicht werden mit uns beiden, denn es gibt überall Nebenbuhler. Kaum taucht man irgendwo zusammen auf, schon bleiben alle stehen und gucken sich ihn genau an. Wie letztens in Prag, als das Skoda-Team gleich ein ganzes Flugzeug mit Journalisten nach Tschechien zum Date mit dem Roomster einflog. Schließlich soll das Modell das Image der Marke aufpeppen und es emotionalisieren, wie das bei den Marketingexperten heißt. Skoda will trendiger, jünger, freakiger werden.

Der Konzern hat auch schon ohne den Roomster einen ordentlichen Schub erlebt: Im ersten Halbjahr 2005 hatten die Tschechen weltweit fast 275 000 Octavia, Fabia und Superb verkauft, das entspricht einem Plus von 12,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Tschechen freuten sich schon nach dem ersten Halbjahr 2006 über 19 Prozent mehr Umsatz. Weit über eine halbe Million Neufahrzeuge mit dem fliegenden Pfeil werden dieses Jahr in aller Welt brandneu über den Asphalt rollen – darunter auch viele, viele bunte Roomster.

Tun wir doch mal oberflächlich und prüfen den ersten optischen Eindruck. Den Wagen gibt es in einer Art military- olivgrün, am ehesten wohl was für Bundeswehrfans. Das Blau spielt schön mit dem Gelb der tschechischen Rapsfelder. Das Mausgrau ist hingegen nicht recht überzeugend, da blitzt das Sandbeige-Metallic meines Berlingo frischer und freundlicher in der Sonne. Aber das satte Roomster-Rot – vom Aussehen her überzeugt der Neue schon mal. Er nimmt den Mund auch nicht allzu voll und kommt eher zurückhaltend daher, auch das ein Pluspunkt: Wartet man bei laufendem Motor an der Ampel, denkt man fast, der Wagen sei ausgegangen, so leise ist das Fahrzeug. Beim Gasgeben hingegen klingt der Roomster manchmal rau, halt ein bisschen unrasiert.

Wie das so ist mit neuen Beziehungen. Durch sie werden einem manchmal erst die Defizte der alten bewusst. Bislang hielt unsereins den Berlingo 1,6 mit seinen 109 PS für recht sportiv. Doch im mit 105 PS motorisierten Roomster fühlt man sich dagegen wie im Rennwagen. Der höhere Citroën-Minivan besitzt eben den Luftwiderstand einer rollenden Schrankwand. Kein Wunder also, dass der Skoda sich auch mit weniger Energie zufriedengibt. Laut Hersteller liegt der Durchschnittsverbauch bei sieben Litern. In der Stadt ist er aber schon deutlich anspruchsvoller.

Ein klares Plus: Skoda bietet anders als viele Hersteller Rußfilter für die noch sprintstärkeren Dieselmotoren an. Aber bei seiner Kraft soll jetzt auch nicht zu viel versprochen werden. Wer, sagen wir mal, aus einem Zafira-Diesel oder der A-Klasse von Mercedes umsteigen würde, wäre ob des am Berg durchgetretenen Gaspedals sicher ernüchtert.

Doch es geht ja bei allem im Leben nicht unbedingt immer um Schnelligkeit. Sondern auch um Vertrauen, Flexibilität, Kreativität. Da stehen die Berlingo-Kreateure aus Frankreich gut da. Die einzeln klappbaren Sitzbänke überzeugen. Und diese vielen Fächer, die der Wagen in der Multispace-Ausführung mit Modutop-Design mitbringt – da kann der Roomster trotz seines Namens nicht mithalten. Für einen Messie – wie es die Testerin ist – hat die Modutop-Variante genau das Richtige: An den Türen, unter dem Boden im Fonds, oben am Himmel – überall befinden sich Klappfächer samt Frischluftdüsen, die an die Innenausstattung eines Flugzeuges erinnern. Nahe der Heckklappe prangt eine gefräßige, fast wagenbreite Klapplade.

Auch das Entwicklerteam der Tschechen um Sven Patuschka und Jens Manske orientierte sich am Flugzeugdesign. Deren Idee war es, den Roomster von der Seite aussehen zu lassen wie einen Flieger. Daher der Knick in der Optik: vorn das kleine Cockpitfenster, hinten die tief heruntergezogenen Scheiben, die selbst Kindern auf den höhergelegten Sitzen prima Ausblicke bieten. Der auch im Innern aus VW- und Skoda-Modulen komponierte Wagen wirkt von außen daher wie aus zwei Autos zusammengesetzt. Von vorn wirkt der Kühler kernig, die Lichter-Augen sehen schlitzig aus wie beim Fuchs. Und doch erscheint die Front biederer als die des Berlingo.

Weil Skoda das Kombikonzept modern verkaufen will, hat sich der Hersteller dafür englische Namen ausgedacht: Vorn sitzt man im „Driving Room“, hinten im „Living Room“ – leider nicht so schön hochbussig wie im Berlingo. Den Roomster hat man als Pilot gut in der Hand, er reagiert schnell und willig, wirkt jedoch bei unwirtlichen Außenbedingungen eher genervt und schüttelt sich. Will meinen: Das Auto ist hart gefedert. Dann doch lieber mit dem Berlingo gemütlich durch die Gegend schaukeln lassen. Auch bei der Schaltung muss man mit dem Partner auf vier Rädern rücksichtsvoll umgehen, sonst knallt der Griff beim Einrasten gegen die Fassung. Und erst dieser Hebel mit den Bedienelementen für Radio und Navigation! Der sitzt so ungewohnt dicht links unter dem Blinker, dass man ständig mit diesem Knauf blinken will.

Doch blicken wir nach vorn, nach oben, wer sich auf länger binden will, muss perspektivisch denken. Schon der Franzose lockte mit unglaublicher Offenheit: Gleich vier kleine Dachfenster geben den Blick in den Sternenhimmel frei. Aber erst der Roomster: Das ganze Dach ist auf Wunsch aus Glas, aus Sicherheitsglas natürlich. Das Unterwegssein fühlt sich an wie Cabriofahren, nur nicht ganz so stürmisch. Allerdings wähnt man sich im Berlingo geschützter.

Im Citroën kann eine Surferin locker sieben Segel, zwei Gabelbäume, vier Masten, die Zubehörkiste, die Tasche mit der Surfausrüstung, die Koffer und weit mehr innen stapeln, die beiden Surfbretter aufs Dach schnallen. Der Roomster eignet sich ebenfalls als Lastentier. Bis zu 530 Liter Familien-, Freizeit-, Arbeits- oder Sportgepäck haben Platz. Legt man erst die Rücksitze einzeln um, verschiebt sie nach vorn und zur Seite oder nimmt sie mit wenigen Handgriffen gänzlich raus, frisst der Packesel gut 1800 Liter. Nicht schlecht, Roomster. Er ist schließlich mit 4,20 Meter nur so lang wie der neue Golf, bringt aber ab Werk aus Kvasiny eine breitere Heckklappe mit als der Opel Meriva und bietet mehr Innenraumlänge als ein Renault Kangoo. Die helle Innenfarbe ist aber schmutzempfindlicher als das pragmatische Grau des Franzosen. Der Tscheche soll allerdings besser verarbeitet sein als der Berlingo: das große Manko des Franzosen. Da haben die Arbeiter wohl zu viel Vin rouge konsumiert: Der Vordersitz war schon lose. Vielerorts am Auto klapperte und rumpelte es kurz nach der ersten Liaison. Die linke hintere Schiebetür quietscht manchmal leise während der Fahrt. Dabei taten die Werkstätten innerhalb der Garantie schon, was sie konnten, aber zweieinhalb Jahre haben ihn trotz liebevoller Behandlung gezeichnet. Doch unsereins kann verzeihen.

Zum Finanziellen: Der Preis für beide liegt auf einem Niveau. Den 1,6-Modutop-Berlingo kann man bei einzelnen Händlern mit Verhandlungsgeschick schon für knapp 16 000 Euro bekommen. Der offizielle Listenpreis liegt allerdings bei über 17 000 Euro. Ein Gag: Wer drei Kinder hat und mehr, kriegt 250 Euro Ermäßigung. Der Roomster 1,6 steht ab 2. September in Deutschland bei den Händlern und kostet dann rund 16 500 Euro.

Also, Roomster: So vor mir stehend, könnte ich schon schwach werden. Erst recht beim Blick aufs Hinterteil. So sportlich, so dynamisch, wenn da nur nicht die wie aufgeklebt wirkenden Rückleuchten wären. Manchmal ist es aber besser, einen Schwarm aus sicherer Entfernung zu betrachten, statt sich auf ihn einzulassen. Wenn es mal vorbei ist mit dem Berlingo, komme ich auf dich zurück.

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