Angewandte Mathematik : Wie aus einem X die X-Men werden

Künstler aus Hollywood erklärten Schülern des Humboldt-Gymnasiums, wie Computeranimationen entstehen.

Daniela Martens

Plötzlich verwandelt sich menschliche Haut in eine blaue, schuppige Oberfläche. Aus einem ganz normalen jungen Mann wird Mystique, die Mutantin aus den X-Men-Comic-Verfilmungen. Aus dem breitbeinigen Gang des Mannes wird ein katzenhaftes Gleiten. 130 Schüler des Humboldt-Gymnasiums in Tegel sitzen im Dunklen in der Aula und blicken gebannt auf die Leinwand, auf der sich das seltsame Geschehen abspielt. Die meisten haben den Film schon einmal im Kino gesehen. Sie wissen, dass Mystique ein Wesen ist, dass sich in jeden beliebigen Menschen verwandeln kann – laut Drehbuch ist sie eine „Gestaltwandlerin“. Aber wie entsteht eine solche Verwandlungsszene?

„Farbe und Bewegung – alles besteht aus Zahlen“, sagt Beau Janzen, der neben der Leinwand steht. Der Graphik-Designer aus Los Angeles ist für Mystiques Verwandlungen verantwortlich. Er hat die Szenen, in denen Mystique vorkommt, am Computer bearbeitet. Mit Hilfe von Mathematik. Und jetzt ist er nach Berlin gekommen, um den Schülern klarzumachen, dass Zahlen und Berechnungen spannend sein können. Die Veranstaltung gehört zum „Mathfilm-Festival 2008“. Außer Janzen ist auch noch sein Kollege Dano Johnson mit ins Humboldt-Gymnasium gekommen und der Leiter der Mathfilmfestivals, Konrad Polthier, Professor am Fachbereich Mathematik und Informatik der FU.

„Wenn ich mich mit Analysis auskenne, kann ich ein X finden – aber wozu brauche ich das?“, sagt Beau Janzen. In der Schule habe er Mathe nicht besonders gemocht, weil er keinen Sinn darin sah. Die Schüler in der Aula klatschen begeistert. Doch dann habe er eine Antwort gefunden: „Man braucht es für Computerkunst“. Aus dem X wurden die X-Men.

Heute unterrichtet er neben seiner Arbeit für Hollywood auch Mathematik und Computeranimation. „Mathe ist eine besondere Sprache“, sagt er. „Man kann nicht zu einem Computer sagen: „ein bisschen“ oder „viel“. Das versteht er nicht. Man muss also mit ihm in Zahlen reden.“ Und dann erklärt Janzen in seinem drolligen Deutsch mit eingestreuten englischen Wörtern, wie die Schauspieler „gescannt“ wurden. Auf dem Computermonitor werden sie mit einem Raster aus einer Million Punkten überzogen. „Das vereinfachen wir dann mit Geometrie und zerlegen es in 16 000 Punkte.“ Denn sonst wäre der Computer zu langsam. Auf der Leinwand sind jetzt in schneller Folge neben den Bildern Gleichungen mit X-Faktoren zu sehen. „Jetzt können wir zwei Schauspieler zusammenmorphen.“ Das bedeutet: Man tauscht die Punkte aus dem Raster des einen Schauspielers gegen die aus dem des anderen aus. Wie lange man an einer Szene arbeitet, will eine Schülerin wissen. Für fünf Sekunden brauche man vier Monate ohne Wochenende, sagt Janzen.

„Die Grundlagen der Mathematik sind staubig und machen nicht so viel Spaß“, sagt nach der Veranstaltung Dominique Bartel, Fachbereichsleiter für Mathematik und Physik am Humboldt-Gymnasium. Die Veranstaltung biete jedoch einen Ausblick und eine Perspektive auf das Interessante an der Mathematik. Hoffentlich erinnern sich die Schüler nicht nur an die durchgearbeiteten Wochenenden.

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