Schule : Angst vorm deutschen Professor

Die Schweiz diskutiert: Berufen ihre Unis zu viele Forscher vom Nachbarn?

Simon Wolf

Lehren an den Schweizer Hochschulen zu viele deutsche Professoren? Über diese Frage wird im Nachbarland derzeit heftig diskutiert. „Die deutschen Professoren am Pranger“ überschrieb die Neue Zürcher Zeitung vor kurzem einen Artikel über die Anzahl deutscher Wissenschaftler in der Schweiz. Die Universität Zürich hatte bei Berufungen im Dezember alle acht ausgeschriebenen Professuren mit Deutschen besetzt – und damit eine Debatte um die „Germanisierung“ der Hochschullandschaft ausgelöst.

Unbestritten ist, dass die Anzahl deutscher Wissenschaftler in der Schweiz hoch ist. An den großen Universitäten im deutschsprachigen Raum belegen sie jeden dritten bis vierten Lehrstuhl. Die Unis sehen in der grundsätzlich hohen Quote ausländischer Wissenschaftler einen Beweis für die internationale Ausrichtung und einen Erfolg im Kampf um die besten Köpfe.

Gegen eine Internationalisierung hätte auch der Präsident des Studierendenrates der Uni Zürich, Stefan Schneider, nichts einzuwenden, „wenn es sich denn um eine echte Internationalisierung handeln würde“. Schneider hatte in einem Zeitungsinterview gesagt, dass in einigen Instituten die „Grenze des Erträglichen erreicht“ sei, und die Debatte so mit ausgelöst. Mit seiner Aussage wollte er die Stimmung bei Teilen der Studierenden und Mitarbeitern wiedergeben. Die Debatte entzündet sich vor allem an der Frage, ob dem Schweizer Nachwuchs durch die Präsenz der Deutschen die Karrierechancen verbaut werden. Nicht genug damit, dass so viele Deutsche auf Lehrstühle berufen werden – häufig brächten diese auch gleich ihr ganzes Team aus Deutschland mit, so lautet die Kritik.

Tatsächlich würden sich auf Ausschreibungen häufig viel mehr Deutsche bewerben als Schweizer, sagt Hans Weder, der Rektor der Uni Zürich. Der wichtigste Grund liegt aus Sicht vieler Hochschulen darin, dass Deutschland aufgrund seiner Größe viel mehr Akademiker hervorbringt als die Schweiz. Die Deutschen wiederum kommen gerne in die Schweiz, weil sie attraktive Arbeitsbedingungen und bessere Verdienstmöglichkeiten als in Deutschland vorfinden. Gleichwohl sei ihm die Diskussion gegenüber seinen deutschen Kollegen „richtiggehend peinlich“, sagt Weder – sie seien vielmehr gern gesehen und eine Bereicherung.

Allerdings räumen die Unis auch Versäumnisse bei der Förderung des eigenen Nachwuchses ein. Mit der Einrichtung von Graduate Schools für Doktoranden etwa hinke man im Vergleich zu Deutschland hinterher, meint Weder. Die Universität in Bern hat sich deshalb das Ziel gesetzt, jungen Wissenschaftlern schneller Forschungserfolge zu ermöglichen und sie dafür bei der Lehre und der Arbeit am Lehrstuhl zu entlasten. Das zielt nicht ausschließlich auf Schweizer, denn auch in Bern versteht man sich als internationale Uni – aber mehr Schweizer Spitzenforscher wären auch hier gerne gesehen.

Diskutieren die Schweizer womöglich sogar über ein Luxusproblem? Viele Absolventen entscheiden sich deshalb gegen eine wissenschaftliche Karriere, weil ihnen die Privatwirtschaft bessere Aussichten bietet und sie besser bezahlt. Gleichwohl seien die Unis „ein wichtiger Bestandteil von nationaler Kultur und tragen zur Identitätsbildung bei“, gibt Otfried Jarren, Leiter des Institutes für Publizistik an der Uni Zürich – und selber Deutscher – zu bedenken. „Wenn die Schweizer der Uni den Rücken kehren, könnte in der Forschung der Blick auf das speziell Schweizerische verloren gehen.“ Deshalb sieht er es als Aufgabe auch der zugezogenen Forscher, begabte Schweizer zu einer Unikarriere zu motivieren.

„Letztendlich sollten wir die Professoren aber weiterhin nach der Qualität und nicht nach dem Pass berufen“, sagt Gernot Kostorz von der Vereinigung der Schweizerischen Hochschuldozierenden. Dass dabei immer mal wieder Einzelne unzufrieden reagieren, wenn ein Deutscher einem Schweizer vorgezogen wird, sei ganz natürlich.

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