Anonyme Befragung : 5000 Schüler sollen ihre Straftaten angeben

Anonym, freiwillig und tabulos soll eine Befragung Erfahrungen von Jugendlichen mit Gewalt und Kriminalität dokumentieren. Schulschwänzer bekommen sogar Geld, wenn sie teilnehmen.

Ferda Ataman

Die Fragen richten sich an Neuntklässler: Wie oft hast du in den letzten zwölf Monaten gewaltorientierte Pornofilme geschaut? Wie oft trägst du Messer, Schlagringe, Soft-Air-Waffe und Ähnliches mit dir? Welche Gruppen von Schülern haben an deiner Schule das Sagen: deutsche, türkische, ehemalige sowjetische, albanische, libanesische, palästinensische oder andere Schüler? Wurdest du schon mal mit einer Waffe verletzt oder zu sexuellen Handlungen gezwungen? Welche nationale Herkunft hatten die Täter deiner Meinung nach?

Rund 3000 Gymnasiasten, Real- und Hauptschüler haben vor den Sommerferien auf solche Fragen geantwortet. Sie sollen Erkenntnisse über die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen in Berlin liefern. Der 38 Seiten lange Fragebogen wurde vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) unter Leitung von Christian Pfeiffer eigens für Berlin entwickelt und mit dem Senat abgestimmt.

Anonym, freiwillig und tabulos soll die Befragung sein, um mehr über das wirkliche Ausmaß der Jugendkriminalität zu erfahren. Notorische Schulschwänzer sollen deshalb zehn Euro erhalten, wenn sie mitmachen. Per Kreuz sollen die 14- bis 15-Jährigen Aussagen über ihre ethnische Zugehörigkeit machen („Hast du eine kurdische Herkunft?“), über Opfererlebnisse, Gewaltneigungen, eigene Straftaten und Verbrechen. Auch die Gesinnung wird erfragt: „Was hältst du davon, die Luxusautos der Reichen anzuzünden?“ Oder: „Hast du Texte von Lenin, Mao, Che Guevara, Trotzki oder Abu-Jamal gelesen?“ Vorurteile sollen entlarvt werden durch Sätze wie: „Durch die vielen Muslime in Deutschland fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land.“

„Wir erhoffen uns dadurch Erkenntnisse darüber, ob Zusammenhänge zwischen Gewalterfahrungen und extremistischen Einstellungen erkennbar werden“, sagt Kristina Tschenett, Pressesprecherin der Innenverwaltung. Interessant sei auch, „welche Rolle Gewalterfahrungen bei Integrationsprozessen von jungen Muslimen spielen“. 150 Schulen sollen an der Befragung teilnehmen, zugesagt haben bislang 94 Schulleiter. Insgesamt sollen 5000 Schüler befragt werden. „Wir erstellen erstmalig für Berlin eine Art Sozialstudie über Jugendliche“, sagt Projektleiter Dirk Baier.

Schon jetzt hat die Befragung Kritik hervorgerufen. „Hier wird bereits bei einigen Fragestellungen ein Zusammenhang zwischen ethnischer Herkunft und Gewalt impliziert“, sagt Nuran Yigit vom Antidiskriminierungsnetzwerk des Türkischen Bundes. Die Senatsverwaltung für Bildung ist froh, dass Jugendliche Angaben über ihre Herkunft oder die der Täter machen sollen. „Gute Präventionsarbeit erfordert eine genaue Untersuchung unterschiedlichster Aspekte“, sagt Pressesprecher Martin Sand, „gerade um zielführend reagieren zu können.“

Vor der Befragung der Schüler sollen aus datenschutzrechtlichen Gründen alle Eltern informiert werden und einwilligen. Doch Ende Juni ging bei der Senatsverwaltung eine Beschwerde von ungefragten Eltern ein. „Zur Teilnahme an der freiwilligen Beantwortung des Fragebogens hat es keine Alternativen gegeben“, schreibt der Vater, „unter den Bedingungen war die freiwillige Entscheidung der Schüler nicht gewährleistet.“ Laut Projektleiter Baier habe es sich hier um einen Einzelfall gehandelt, „Fragebögen ohne Elterneinwilligung werden nicht benutzt“.

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