Architektur-Projekt : Bildung durch Bilder

Bei einem Projekt der Freien Universität finden Schüler und Kunsthistoriker eine gemeinsame Sprache - Architektur.

Belinda Hartmann
Marienburg-Realschule
Die Schüler der Marienburg-Realschule auf Architektur-Entdeckungsreise. -Foto: Uwe Steinert

Die Mädchen reißen die Augen auf. Vor ihnen liegt ein Foto ihrer Schulaula aus dem Jahr 1913. „So hat das hier einmal ausgesehen? Viel schöner!“ rufen die Schülerinnen der Klassenstufe 9 der Marienburg-Realschule wie aus einem Munde. Und dann geht es wild durcheinander weiter: „Sieh mal, die Fenster hatten bunte Glasscheiben mit Bildern!“ „Und an der Decke hingen Kronleuchter!“ „Hier gab es mal eine riesige Empore!“ Fragende Blicke richten sich auf die junge Frau, die das Foto mitgebracht hat. Die Mädchen wollen wissen, wieso das alles nicht mehr da ist. Wurde die Aula im Krieg beschädigt? Oder ist ihr heutiges nüchternes Aussehen Ergebnis von Umbauten, die mit einer veränderten Nutzung zusammenhängen?

Celia Schmidt, Kunstgeschichtsstudentin an der FU Berlin, kann nicht alle Fragen beantworten und auch die Lehrerin des Deutsch-Musisch-Kurses, Monika Galina, nicht. Es werden also für die nächste Stunde entsprechende Rechercheaufträge an die neugierig gewordenen Schülerinnen verteilt und Hinweise auf nützliche Informationsquellen gegeben, beispielsweise alte Bauzeitschriften, Architekturarchive wie das der Berlinischen Galerie oder das Schularchiv.

Celia Schmidt engagiert sich für das Projekt Bildung durch Bilder, das seit 2006 vom Kunsthistorischen Institut der FU mit finanzieller Unterstützung der Robert Bosch Stiftung durchgeführt wird. Gestandene und angehende Kunsthistoriker bereichern bei diesem Projekt den Unterricht an Berliner und Brandenburger Schulen um Wissen in Architektur, Malerei, Skulptur und Film.

„Universität und Schule tragen gemeinsam die Verantwortung für die Bildung der nächsten Generation. Kunst und Kultur sind ein unerlässlicher Bestandteil“, sagt Klaus Krüger, Geschäftsführender Direktor des Kunsthistorischen Instituts, das Kunsthistoriker und Studenten zur Begleitung des Unterrichts an die Schulen schickt. Wobei es laut Krüger nicht nur darum geht, Begeisterung für Kunstwerke zu wecken. „Die Vermittlung kunstgeschichtlichen Wissens kann dazu beitragen, dass die Jugendlichen sprachliche Kompetenzen erlangen,“ nennt er einen weiteren wichtigen Aspekt.

Ähnlich sieht es Lehrerin Monika Galina. Sie nutzt das Projekt für den Aufbau von Grundfertigkeiten: den Wortschatz für eine Beschreibung des Kunstgegenstandes entwickeln, Informationen recherchieren, Texte formulieren, multimediale Präsentationen gestalten. Oft werden dabei Defizite erkennbar, berichtet Galina: „Die Schüler tun sich anfangs schwer mit der Beschreibung von Gebäuden und Kunstgegenständen. Es fehlen noch die richtigen Worte, und zwar nicht nur Fachbegriffe wie „Säulenkapitell“, sondern auch Worte wie „Empore“, „Erker“ oder „gesprenkelt“.

Zwölf Oberschulen in Berlin sowie ein Gymnasium in Brandenburg arbeiten mittlerweile mit dem Kunsthistorischen Institut zusammen. Ergebnis dieses Austausches sind bislang 28 Projekte: Neuntklässler des Beethoven-Gymnasiums in Lankwitz etwa haben sich als Teil des Lateinkurses den antiken griechischen und römischen Götterhimmel erarbeitet und ihr Wissen anhand der entsprechenden Skulpturen in der Rotunde des Alten Museums auf der Museumsinsel überprüft.

Der Geschichtsleistungskurse am Max-Reinhardt-Gymnasium in Hellersdorf beschäftigt sich mit dem Thema Absolutismus in Brandenburg und der Frage, wie sich ein politisches und gesellschaftliches System in der Architektur abbildet. Im Nachgang zur Exkursion zum Schloss Charlottenburg erarbeiteten die Schüler Texte und Bildmaterial für einen virtuellen Rundgang durch Garten und Schloss, der im Internet zu finden ist.

Auch die Schülerinnen der Marienburg-Realschule in Schmargendorf haben ein Ziel: Sie wollen ihre Rechercheergebnisse zur Architektur des eigenen Schulgebäudes als Powerpoint-Präsentation am Tag der offenen Tür vorstellen. Zusätzlich planen sie einen Prospekt, den jeder Besucher mitnehmen kann.

Da der Termin für die Vorstellung schon am Sonnabend ist, müssen sie sich beeilen. Sie haben noch viel vor: Die Geschichte der Schule ist als Kurztext zu verfassen, die Biografien des Architekten Alfred Solbach und des Bildhauers Hans Schellhorn sind zusammenzustellen, architektonische Beschreibungen ausgewählter Gebäudeteile aufzubereiten.

Zum Beispiel die Säulen im Treppenhaus: Sie sind mit Pflanzen- und Tiermotiven verziert, darunter Grashüpfer, Bienen und Vögel, die ihre Jungen in Vogelnestern füttern. Bedeuten diese Motive etwas? Fragende Blicke auf ihre Expertin vor Ort. Doch Celia Schmidt gibt nur einen Teil der Antworten, den Rest müssen die Schüler selber recherchieren.

Tag der offenen Tür: Am Sonnabend, 10 bis 13 Uhr, Kranzer Straße 3.
Weitere Infos: http://www.bildung-durch-bilder.de

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