Schule : Auf dem Treck der Träumer

Den Mazda BT-50 möchte man haben. Die Frage ist nur: wofür?

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Ein Pick-up kann so praktisch sein. Heckklappe auf, die ganzen Körbe mit der Olivenernte auf die Pritsche wuchten, sich kurz den Schweiß von der Stirn wischen und dann losfahren zum Markt im Nachbardorf. Und wenn es regnet und der holprige Feldweg zur Schlammfalle wird, schaltet man den Allradantrieb ein und kommt sicher ans Ziel. Was? Sie sind kein Olivenbauer? Warum lesen Sie dann diesen Text? Ganz klar: Weil Träumen erlaubt sein muss. Und weil sich die Vorstellung, man könnte für den neuen Mazda BT-50 irgendeine Verwendung haben, verdammt gut anfühlt. Pritschenwagen sind für Cowboys, Handwerker und Landarbeiter – für alle, die im Leben noch zupacken können, eine echte Aufgabe haben.

Die Griechen sind ein beneidenswertes Volk. Die haben noch genug Schotterpisten und auch Menschen, die ihr Geld in der Landwirtschaft verdienen. Deshalb ist Griechenland Europameister im Pritschenwagenfahren – vor Portugal und Ungarn. In Deutschland spricht, rational gesehen, alles gegen Pick-ups. Vom Vorgänger des BT-50 hat Mazda zuletzt jährlich nur 300 bis 600 Stück auf dem deutschen Markt verkauft. Und 80 Prozent der Wagen werden gewerblich genutzt. Wobei sich unter den restlichen 20 noch viele Freiberufler verbergen, die ihr Gefährt privat zugelassen haben.

Das soll sich mit der Markteinführung des BT-50 ändern. Die Japaner haben eine neue Zielgruppe ins Visier genommen: Menschen mit ungewöhnlichen Hobbys. Wer seinen Jet-Ski zum See oder Mountainbikes in den Wald transportieren möchte, soll das künftig mit dem BT-50 erledigen. Und wer ein Ultraleichtflugzeug besitzt oder ein Quad, ein modisches vierrädriges Motorrad, soll das Gleiche tun. Der Pick-up als Lifestyle-Vehikel – ob das klappt?

Die wichtigste Maßnahme der japanischen Designer: Sie haben den Innenraum schicker gestaltet, damit er möglichst nicht mehr an ein Nutzfahrzeug erinnert. Außen Pick-up, innen Limousine, hieß das Ziel. Das ist ihnen gelungen. Das Armaturenbrett mit seinen drei Rundanzeigen könnte genauso gut in jedem anderen Mazda-Modell stecken, auch die Mittelkonsole wirkt wie die einer Limousine. Dazu gibt es allerhand Schnickschnack, der Olivenbauern bisher fremd sein dürfte: Sitzheizung für Fahrer und Beifahrer, Audio-System mit MP3-fähigem Sechsfach-CD-Wechsel, Kartenleselampe, vier Getränkehalter und einen herausnehmbaren Aschenbecher. Obwohl der lifestyleorientierte Jet-Ski-Fahrer von heute wahrscheinlich sowieso gerade mit dem Rauchen aufgehört hat.

Die Handbremse nervt ein bisschen. Sie hat im BT-50 Spazierstocklänge und befindet sich nicht zwischen Fahrer und Beifahrer, sondern schräg rechts unter dem Lenkrad. Das macht Sinn, weil man so in aufrechter Sitzhaltung bequem die Bremse lösen kann. Nur das rechte Knie muss sich erst daran gewöhnen. Apropos: Wer Freunde oder Familie mitnehmen will, sollte sie unbedingt in einem zweiten Wagen hinterherfahren lassen. Bloß nicht auf die Rückbank setzen lassen! Das ist keine Sitzreihe, das ist eine Strafbank. Zumindest in der L-Cab-Variante mit gegenläufig öffnenden Türen stößt man mit seinen Kniescheiben an den Vordersitz. Bei der anderen in Deutschland vertriebenen Version, dem Double-Cab, lässt es sich hinten auch zu dritt gut aushalten.

Das Beste an drinnen ist übrigens der Blick nach draußen. Man schaut leicht erhöht von oben auf die anderen Autos herab. Und wird von unten bewundert. An jeder roten Ampel ist man König. Doch, der BT-50 ist ein Thron – ein kleiner zwar, aber immerhin ein Thron. Wenn die Ampel auf Grün umschaltet, sieht man immer noch gut aus. Der 2,5-Liter-Turbodiesel hat 143 PS und ein maximales Drehmoment von 330 Newtonmetern – das sind 34 PS und 64 Nm mehr als beim Vorgänger. 160 Stundenkilometer auf der Autobahn sind kein Problem, ein Vorteil, den die pick-up-verwöhnten Griechen mit ihrem Tempolimit von 120 gar nicht auskosten können.

Hinten auf der Pritsche kann man eine ganze Tonne Gewicht postieren. Die Ladefläche des L-Cabs misst 1,75 Meter mal 1,45 Meter, beim Double-Cab ist sie 20 Zentimeter kürzer. Ideal für das eine oder andere Extremsportgerät. Die tote Oma im zusammengerollten Teppich, die Zeitungsberichten zufolge gerne auf deutschen Dachgepäckträgern transportiert wird, passt immerhin quergelegt rein. Gut, die Teppich-Oma ist eine Legende. Und genau das ist das Problem: Wie kann man den Kauf eines BT-50 vor seinen Freunden und Kollegen rechtfertigen, wenn man weder Jet-Ski noch Mountainbike fährt? Was kann man – zumal als Stadtmensch – stattdessen auf die Ladefläche packen? Vielleicht den Wochenendeinkauf oder die Schallplattensammlung, die man seinem Bekannten vorspielen möchte. Man könnte auch Werkzeuge vom Baumarkt ausleihen und später unbenutzt zurückbringen.

Mazda kennt das Dilemma. In Japan gelten Pick-ups auch als Exoten. Deshalb wird der BT-50 ausnahmsweise nicht im Mazda-Stammwerk Hiroshima produziert, sondern dort, wo weltweit die größte Nachfrage herrscht: in Thailand. Fast jedes zweite verkaufte Auto dort ist ein Pick-up. Thais setzen Pritschenwagen in der Landwirtschaft und im Stadtverkehr ein. Einerseits, weil Pick-ups in dem asiatischen Land nicht als Pkw gelten und weil deshalb keine Steuern anfallen. Andererseits werden Pick-ups zu Songthaews umgebaut, zu Gruppentaxis mit zwei Bankreihen auf der Ladefläche. Da sitzen die Gäste ohne Sicherheitsgurte drauf und Unfälle gehen meistens böse aus. Auch keine echte Option für den deutschen Markt.

Nein, die Lösung ist eine andere. Wer BT-50 fahren will, aber kein passendes neumodisches Lifestyle-Hobby hat, dem bleibt nur eine Möglichkeit: Er muss den BT-50 selbst zu seinem Hobby machen. Einfach den nächsten Regentag abwarten, raus aufs Land fahren, sich einen abgelegenen Feldweg suchen. Und dann auf Allrad umschalten und jeden Matschfeldweg, jedes Schlagloch, jede Pfütze mitnehmen. Wenn das mal kein aufregender Lifestyle ist.

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