Schule : Auf den Spuren von Felix und Fanny

Bei den Kindermusiktagen in Pankow drehte sich alles um die Geschwister Mendelssohn-Bartholdy

Thomas LoyD

Benefizkonzert am Abend, Erstklässler- Entertainment am nächsten Morgen, danach stundenlang Proben für das Musiktheaterstück mit den Gymnasiasten. „Das ist Knochenarbeit“, sagt Stephan Forck, der hochgewachsene Cellist des Vogler-Quartetts. Seit zehn Jahren gehen sie an Schulen, um Interesse für die klassische Musik zu wecken und Hemmschwellen abzubauen. In Berlin sind sie zum ersten Mal, auf Einladung der Evangelischen Schule Pankow.

Vier Tage lang hat sich die Schule in dem prächtigen Backsteinbau an der Galenusstraße in eine Art Musikcamp verwandelt. Das nennt sich offiziell „Kindermusiktage“. Der übliche Unterricht ruht. Es gibt keine Klassen mehr, nur noch Reportergruppen, Exkursionsteams und Kreativkurse, für die sich jeder einschreiben muss. Lehrer, Schüler und etliche helfende Eltern tauchen kollektiv in die Musikgeschichte ein, suchen nach den Spuren der Mendelssohn-Bartholdys in der Stadt, spielen Theater, erfinden Liedtexte, singen, tanzen und musizieren.

Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Fanny und Felix Mendelssohn-Bartholdy. In diesem Jahr wird der 200. Geburtstag des musikalischen Genies gefeiert. Seine ebenso begabte ältere Schwester durfte nur im privaten Kreis musizieren. Mit dem Leben, ihrer Musik und der Zeit der Mendelssohns sollen sich die Kinder auf möglichst vielfältige und aktive Weise beschäftigen.

Beim Frühkonzert des Vogler-Quartetts vor 40 unruhigen Erstklässlern ist ausnahmsweise Haydn der Türöffner in die Welt der Noten. Die Musiker spielen kurze Sequenzen vor, stellen Fragen nach den Instrumenten, ziehen sich Lockenperücken über, sind nun der junge Haydn und sein Mentor, Fürst Esterhazy, der ein neues Werk in Auftrag gibt. Dabei werden komplexe Vorgänge nachvollziehbar: Was passiert eigentlich, wenn jemand komponiert? Was sind Melodien und Harmonien?

Bei den Erstklässlern haben sie leichtes Spiel. Viele von ihnen lernen selbst ein Instrument. Die Evangelische Schule Pankow, erst 2001 gegründet, ist begehrt bei Familien, die Wert auf ganzheitliche Bildung und Erziehung legen. Die Kindermusiktage passen gut hierhin, auch wenn andere Schulen sie nötiger hätten.

Neben dem Vogler-Quartett ist auch der Musikleistungskurs des benachbarten katholischen Theresien-Gymnasiums eingebunden. Zusammen mit Schülern der 5. Klasse studieren die Gymnasiasten ein Musiktheaterstück ein. Darin geht es um die Suche nach verschollenen Notenblättern von Felix Mendelssohn. Alles ist selbst erdacht: die Musik, die Kostüme, das Bühnenbild und schließlich die Handlung.

Das Konzept „Kindermusiktage“ ist bereits im Raum Kassel etabliert. Dort hat sich ein privater Verein gebildet, der solche Projekttage fördert und Spenden sammelt. „Das geht nur mit sehr viel Energie“, sagt Henriette Jüttner, die die Musiktage in Pankow angestoßen hat. Von der ersten Idee bis zur Realisierung vergingen immerhin zwei Jahre, und mancher Widerstand musste überwunden werden.

Mit zwei anderen Müttern gestaltet Henriette Jüttner den Kurs „Lieder ohne Worte“, der mit den gleichnamigen Kompositionen Mendelssohns arbeitet. Die Kinder sollen vor allem Worte finden, die zur Musik und zum Rhythmus passen, als Liedtext, aber auch als freie Assoziation. Bei einem anderen Spiel bekommt ein Schüler einen Stab in die Hand, um ihn herum sitzen Mitschüler mit einfachen Instrumenten – Xylophon, Triangel, Trommel oder Reibestab. So erwachen nie gehörte Klangexperimente zum Leben, um wenig später für immer zu verhallen. Thomas Loy

Weitere Infos: www.kindermusiktage.org, www.voglerquartet.com

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