Aufsatzwettbewerb zum Mauerfall : Dreimal zur Bornholmer Brücke

Den Mauerfall hatte Frank Schutter verschlafen. Aber als er am 10. November gegen Morgen mit seinem Taxi zur Lietzenburger Straße kam, dachte er: "Ich bin im falschen Film". Sein Sohn hat die Geschichte aufgeschrieben.

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Wettbewerbsgewinner: Der 12-jährige Benjamin Schäfer hat mit seiner Klasse an der Pettenkofer-Grundschule den ersten Preis im Aufsatzwettbewerb zum Mauerfall belegt. Er hatte aufgeschrieben, wie sein Vater Frank Schutter die Nacht des Mauerfalls erlebte. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Wettbewerbsgewinner: Der 12-jährige Benjamin Schäfer hat mit seiner Klasse an der Pettenkofer-Grundschule den ersten Preis im...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Er hatte gelesen und war früh ins Bett gegangen. So bekam er nichts mit von der legendären Pressekonferenz mit Günter Schabowski am Abend des 9. November 1989. Der Fernseher blieb an diesem Abend aus, zuhause bei Frank Schutter, damals 29 Jahre alt. Er wohnte damals in Neukölln, arbeitete als Taxifahrer. Den nächsten Morgen hat er hingegen exakt abgespeichert: Waschen, frühstücken. Früh morgens um 4.40 Uhr stieg er wie gewohnt am Hermannplatz in die U-Bahn. Gegen 5 Uhr kam er am Fehrbelliner Platz an, setzte sich in sein Taxi und fuhr seine gewohnte Strecke; zwischen Kurfürstendamm und Lietzenburger Straße. Wie jeden Morgen wollte er die letzten Besucher des damaligen West-Berliner Nachtlebens aufsammeln. „Auf dem Hohenzollerndamm war alles wie immer“, sagt Schutter. Auch in der Uhlandstraße fiel ihm nicht ungewöhnliches auf.

Benjamin wollte erst gar nicht glauben, dass es eine Mauer gab

„Erst als ich mit dem Taxi in die Lietzenburger Straße abbog, dachte ich, ich bin im falschen Film“, erinnert sich der gebürtige Kreuzberger. Am Rand parkten Westautos. Auf der Straße fuhren ausschließlich Trabis und Wartburgs. Den Geruch kannte er. Es stank. Und überall waren Menschen. Schutter schaltete sofort das Radio ein. So erfuhr er von einem Moderator des damals populärem Rias 2, was in der Nacht passiert war. „Dreimal bin ich dann noch zur Bornholmer Brücke gefahren, ohne zu kassieren“, sagt Schutter. Denn die vielen Menschen, die damals über die Bornholmer Brücke von Ost- nach Westberlin strömten, hatten kein West-Geld. Die Banken waren noch geschlossen. Begrüßungsgeld gab es erst später. „Sie klopften an die Scheibe, fragten freundlich nach dem Weg, eh ich’s ihnen erklärt hätte, hab ich sie einfach hingefahren“, sagt Schutter.

Während Frank Schutter fröhlich in Erinnerungen schwelgt, guckt er seinem Sohn Benjamin tief in die Augen. Der zwölfjährige rutscht leicht ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her. Er wartet auf seine Currywurst. Für den Mauerfall hatte er sich bisher nicht sonderlich interessiert. Zum ersten Mal hat ihm sein Vater diese Geschichte vor wenigen Monaten erzählt. Er sollte für den Aufsatz-Wettbewerb, den der Tagesspiegel ausgeschrieben hatte, seine Eltern interviewen. Frühere Anekdoten von einer Mauer, die es mal in Berlin gab, hat er seinem Vater, der häufig Scherze macht, meist nicht geglaubt. „Ich gehe fast jeden Tag von der einen auf die andere Seite“, sagt der Friedrichshainer, der auf die Pettenkofer Grundschule in Friedrichshain geht. „Eingemauert zu sein, kann ich mir nicht vorstellen“.

Seine Mutter wuchs im Osten auf

Dabei hätte es den Jungen mit seinen kurzen blonden Haaren ohne Mauerfall gar nicht gegeben, erinnert ihn sein Vater. Denn seine Mutter wuchs im Osten, in Friedrichshain, auf. Anfang der 90er lernten sich seine Eltern kennen. Seine Mutter hatte immer davon geträumt nach Mexiko zu reisen, was sie auch kurz nach dem Mauerfall tat. „Von Yucatán schwärmt sie noch heute“, erzählt Schutter. Vater und Sohn sitzen zusammen im Lokal „Zum Paddenwirt“ im Nikolaiviertel, das noch vor der Wende rekonstruiert worden war. Es war ein Aushängeschild der DDR; Honecker war hier zu Gast. Schutter begrüßt nach und nach das gesamte Personal. Er macht hier die Buchhaltung für den Wirt.  Oben drüber wohnt er. Im Zentrum Ostberlins.

Das hätte sich der gebürtige Westberliner vor 1989 nicht träumen lassen. Wenn er vor seine Tür tritt, blickt er auf den Fernsehturm und das Rote Rathaus. Diese Aussicht erinnert Benjamin an eine weitere Geschichte, die er in seinem Schulaufsatz niedergeschrieben hat. „Wenige Tage nach dem Mauerfall wollte ein Spanier, dass ich ihn nach Ostberlin zum Fernsehturm fahre“, erzählt Schutter. „Den würde ich auch gerne besuchen“, entgegnete er ihm damals mit seiner direkten Berlinart. „Eine Reise nach Ostberlin dauerte damals drei Tage“, sagt er. Denn zwischen Antragstellung und Abholung der Unterlagen für eine Einreiseerlaubnis lagen drei Werktage. „Zumindest mit dem Taxi wäre ich auch noch im Jahr vor der Wiedervereinigung nicht so einfach dort hingekommen.“

An die endlose Warterei auf den Besucherstellen und Grenzübergängen erinnert sich Schutter gut. Alle zwei Monate hatte er als junger Mann seine Oma zu ihren Verwandten nach Fürstenwalde chauffiert. „Wie ich die Rückbank meines VW Sciroccos zurückklappen kann, haben mir die Grenzbeamten der DDR gezeigt“, scherzt er.  Für den Spanier ging es dann doch etwas einfacher. Am Checkpoint Charly ließen ihn die Grenzkontrolleure passieren. „Plötzlich waren alle sehr locker“. Schutter zuckt mit den Schultern. Für ihn selbst habe sich nach dem Mauerfall wenig verändert.

Sein Vater hatte die Mauer erst mit 13 Jahren bemerkt

„Erst mit 13 habe ich gemerkt, dass es überhaupt eine Mauer gibt“, erzählt er. Und das, obwohl er in Kreuzberg – einem ehemaligen Grenzbezirk –aufwuchs. Als die Mauer gebaut wurde, war Schutter acht Monate alt.  „Meine Welt bewegte sich bis zum 13. Lebensjahr zwischen Kottbusser Tor und Hermannplatz.“ Erst als er als Jugendlicher eine Schulfreundin in der Sebastianstraße in Kreuzberg besuchte, realisierte er, dass mitten in der  Straße eine Mauer stand. „Diese Freundin konnte aus ihrem Fenster praktisch über die Mauer spucken“, erinnert er sich. Nach diesem Besuch fing er an sich über die politischen Hintergründe Gedanken zu machen. Dass sein Sohn sich nun rund vierzig Jahre später – genau im gleichen Alter – ähnliche Gedanken über den jüngsten Teil der Geschichte Berlins macht, freut ihn. 

Benjamin besucht die Pettenkofer-Grundschule in Friedrichshain, die den 1. Preis im Aufsatzwettbewerb zum Mauerfall gewonnen hat. Der Wettbewerb war vom Tagesspiegel und der Senatsverwaltung für Bildung initiiert worden.

 

 

 

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