Ausbildung : Hauptschüler ins Luxushotel

Wie die Carl-Friedrich-Zelter-Schule in Kreuzberg für ihre Jugendlichen Ausbildungsplätze vermittelt. In speziellen Angeboten werden die Jugendlichen mit großen Herausforderungen konfrontiert - und erkennen, dass sie diese bestehen können.

Matthias Jekosch
Schule
Gute Aussichten. Ahmad, Nils und Martin (von links) vor ihrer Schule. -Foto: Rückeis

Geflogen ist Martin Snee bisher noch nie. Fünf-Sterne-Hotels kannte er höchstens von außen, und mit Adligen kam der Kreuzberger Schüler in seinem Kiez mit Sicherheit noch nicht zusammen. Ein Praktikum im Telegraaf Hotel in Tallinn in den Sommerferien änderte alles.

„Am meisten hat mir gefallen, dass alles auf Englisch war“, schwärmt der 15-Jährige nach der Rückkehr Anfang September in Berlin. Martin hat auf seinem Zeugnis in Englisch eine Fünf stehen. Am Flughafen zum Start ins zweiwöchige Praktikum verabschiedete ihn seine gesamte Familie. Begleitet wurde er nur von seinem Klassenlehrer Jürgen Schrön, obwohl der Urlaub hatte.

Martin ist Hauptschüler. Das muss betont werden, weil dieser Schülergruppe auf dem Arbeitsmarkt kaum noch eine Chance eingeräumt wird. „Arbeitgeber bevorzugen in der Regel die bestmögliche Ausbildung. Erfahrungsgemäß verdrängen Abiturienten nach unten hin“, sagt ein Sprecher der Agentur für Arbeit.

Dass Martin und seine knapp 230 Mitschüler bessere Karten haben, liegt vor allem am Engagement seiner Lehrer von der Carl-Friedrich-Zelter-Oberschule. „Leistung fordern, Sozialverhalten fördern, Berufsfähigkeit erreichen“ ist das Motto der Schule. Es steht für alle unübersehbar im Treppenaufgang auf einem Schild. „Von alleine können die das nicht“, sagt Schulleiter Robert Hasse. Also tut die Schule alles, um die Schüler vorzubereiten. Sie hat Kontakt zur Industrie- und Handelskammer geknüpft, zu Unternehmern und schließlich sogar zu dem Hotelbesitzer in Tallinn, der früher auch ein Hotel in Berlin hatte.

Ausgezeichnet mit dem Berliner Hauptschulpreis 2007

Neben den obligatorischen Praktika in den Klassen neun und zehn gehen die Schüler für einen Tag in einen Betrieb, um das Berufsfeld kennenzulernen. Freiwillige Praktika und Bewerbertraining kommen hinzu. Für dieses Konzept hat die Schule den Berliner Hauptschulpreis 2007 bekommen.

Ahmad El-Tayeb und Nils Tinder wollen es Martin nachmachen. Sie fahren im Oktober nach Tallinn. Ein Foto zeigt die beiden zusammen mit Martin, kurz vor dem Bewerbungsgespräch mit Hotelbesitzer Michael Stenner, der eigens aus Tallinn nach Berlin flog. Stolz schauen sie in die Kamera, Krawatte und Anzug lassen sie erwachsener erscheinen. „Nach dem Gespräch sind wir noch länger so rumgelaufen“, erinnert sich Nils. Und nicht nur sie sind stolz. „Das macht uns auch Spaß, wenn man sieht, dass aus denen was wird“, sagt Hasse.

Dass Hotelbesitzer Stenner an sie glaubt, ist für die Schüler ein Glücksfall. Bei vielen gehen die Alarmglocken los, sobald die Begriffe Kreuzberg und Hauptschule in einem Atemzug genannt werden. Deswegen wird beim „Pfad zur Ausbildung“ großen Wert auf die soziale Kompetenz gelegt. Gewalt gebe es an seiner Schule kaum, sagt Hasse. Es sei auch selbstverständlich, dass die Tür aufgehalten werde. „Wir Lehrer müssen diese Soft Skills vorleben“, sagt er. Zu Hause passiert das zu selten. Die meisten Schüler kommen aus einem bildungsfernen Umfeld, in dem es nicht als besonders wichtig angesehen wird, dass das Kind einen Ausbildungsplatz bekommt. Als ein Schüler hörte, dass die Schule wenig Geld hat, sagte er: „Warum geht sie nicht zum Sozialamt?“ Den eingefahrenen Kreislauf aus Abhängigkeit und Nichtstun zu durchbrechen, sei schwierig. Einmal habe eine Mutter sogar darum gebeten, ihre Tochter nicht mehr zu fördern.

Nach der Schule kommt die Lehre, nicht die Leere

Dass die Schule so klein ist, kommt den Lehrern entgegen. 230 Schüler sind leichter zu bändigen als 1000. Doch auch dafür hätte der Schulleiter eine Lösung. Er war mal als Unternehmensberater tätig und denkt zielorientiert. Eine größere Schule würde er in kleinere Einheiten aufteilen. Das Ziel für die Schüler müsse sein: „Nach der Schule soll die Lehre kommen, nicht die Leere.“ Deswegen müsse sich jede Schule daran messen lassen, wie viele Schüler einen Ausbildungsplatz bekommen und wie viele die Ausbildung dann auch abschließen. 25 Prozent des letzten Abgängerjahrgangs an seiner Schule haben eine Ausbildungsstelle. Bis auf einen sind alle anderen in Weiterbildungen oder auf weiterführenden Schulen untergekommen.

„Das Ziel ist, dass die Betriebe auf uns zukommen“, sagt Ulrich Maria Rüssig. Er ist als Projektkoordinator genau dafür engagiert worden und soll das Bindeglied sein zwischen Wirtschaft, Politik und Schülern. Die Schule macht das recht erfolgreich. Erst kürzlich rief ein Zahnarzt an, der drei Auszubildende nacheinander rausgeworfen hat. „Habt ihr nicht einen?“, fragte er. Nach einem Probepraktikum zweier Schülerinnen hat er eine von ihnen übernommen. Auch die Chancen von Martin auf einen Ausbildungsplatz steigen mit jedem Praktikum mehr. Im „Express by Holiday Inn“ hat er gearbeitet, in einem Altersheim und nun in Tallinn in einem Luxushotel, in dem schon Außenminister Frank-Walter Steinmeier und der estnische Präsident übernachtet haben. Stenner würde ihn sogar übernehmen, doch er darf in Estland nicht ausbilden. Also geht die Suche für Martin weiter. Für die Herbstferien hat er sich wieder für ein dreiwöchiges Praktikum beworben.

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