Ausbildung : Meister Oppen geht online

Technikbegeistert, reiselustig, flexibel: Die Auszubildenden von heute sind besser als ihr Ruf, sagen viele Chefs.

Alena Hecker
Geredet wird lieber in sozialen Netzwerken als vor der versammelten Berufsschulklasse.
Geredet wird lieber in sozialen Netzwerken als vor der versammelten Berufsschulklasse.Foto: Maurizio Gambarini/p.a.-dpa

Mangelnden Ehrgeiz und Anstand der Jugend beklagte der Philosoph Aristoteles schon 300 vor Christus: „Wenn ich die junge Generation anschaue, verzweifle ich an der Zukunft der Zivilisation.“ Dieser Gedanke wirkt bis heute in den Köpfen Älterer fort. Doch was können die jungen Leute eigentlich besser als früher?

"Für so was bin ich zu alt"

„Mahlzeit, Freunde!“, steht am 9. Januar auf der Facebookseite der Fleischerei Oppen. „Zum Abschluss der Woche jibts Leber mit Zwiebelringe und Chili. Schönet Wochenende!“ 180 Freunde hat die Berliner Fleischerei im sozialen Netzwerk, regelmäßig gehen die digitalen Daumen hoch für Menü-Ankündigungen und Anekdoten aus Alltag. Dass sein Betrieb sich einmal so präsentieren würde, hätte sich der Chef vor ein paar Jahren nicht träumen lassen: „Das ist für mich völlig fremd“, sagt Jörg Oppen, der den Traditionsbetrieb 1989 von seinem Vater übernahm. „Für so was bin ich zu alt.“

Umso besser, dass er regelmäßig junge Leute ausbildet. Die wissen Bescheid in Sachen Technik. „Die können das, die bringen eine Selbstverständlichkeit mit“, staunt Oppen. „Wenn am nächsten Tag keine Berufschule ist, weiß das der Azubi lange, bevor bei mir das Telefon klingelt.“ Smartphones machen’s möglich.

Sie kennen ihre Rechte und vergessen ihre Pflichten

Auch Claudia Brinke fällt auf die Frage, was Azubis heute besser können als früher, zuerst das technische Geschick ein. Die Berufsberaterin der Arbeitsagentur Berlin-Mitte hat vor allem mit Zehntklässlern zu tun, die sich um einen Ausbildungsplatz bewerben wollen. „Im Umgang mit Technik, Medien und Computer sind die jungen Leute auf jeden Fall besser geworden“, so Brinke. Vorträge würden professionell mit Powerpoint ausgearbeitet. Allein wenn es ans Reden vor der Gruppe gehe, täten sich die Jugendlichen schwer. „Das ist ihnen total peinlich.“ Die Kommunikation mit ihr laufe reibungslos und respektvoll. „Wenn die Schüler einmal mit uns zusammenarbeiten, sind sie auch zuverlässig.“

Was der Berufsberaterin nicht ganz so positiv auffällt, aber auch als Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins gewertet werden kann, ist die Freude der Jugendlichen an der Diskussion: „Sie kennen ihre Rechte“, formuliert es Brinke. Ihre Pflichten vergäßen sie aber oft darüber. So brach eine Schülerin ihr Praktikum ab, weil sie ihre Mittagspause einmal nicht nach Vorschrift machen konnte und eine Viertelstunde länger arbeiten sollte. „Dass ihr dadurch ein Ausbildungsplatz durch die Lappen ging, hat sie nicht bedacht.“

Älter und reifer sind meist Auszubildende bei der Artis GmbH. Seit der Gründung des Unternehmens vor 20 Jahren steigt laut Sprecherin Katharina Wolter das Interesse von Abiturienten an einer Tischlerlehre. Viele Auszubildenden nutzten sie als Sprungbrett für ein Architekturstudium oder eine andere Spezialisierung.

Die Bewerber werden immer älter

Zudem sind Azubis laut Wolter während ihrer dreijährigen Ausbildung inhaltlich mehr gefordert als noch vor zehn Jahren: Sie lernen das klassische Tischlerhandwerk, bekommen aber auch Einblicke in den Umgang mit innovativer Maschinentechnik und Zeichenprogrammen. „Die zusätzlichen Anforderungen erfordern mehr intellektuelles Know-how bei den Lehrlingen.“

Anja Smetanin, Pressesprecherin des Verkehrsclub Deutschland, arbeitet vor allem mit Volontären im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Sie hat in den letzten Jahren beobachtet, dass Bewerber immer älter werden, weil sie mehr in ihre Ausbildung investieren, um sich zu perfektionieren: „Oft sind unsere Volontärsanwärter Ende 20 und haben während der Ausbildung tausend Sachen gemacht.“ Dazu gehören neben Praktika auch Auslandsaufenthalte.

„Die Mobilität der Auszubildenden ist deutlich größer als noch vor zehn Jahren“, bestätigt Gerd Woweries von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin. Immer mehr junge Erwachsene verlegten Teile ihrer Ausbildung ins Ausland. „Das stärkt die Sozialkompetenzen, viele kommen als gereifte Menschen wieder.“ Auch bescheinigen Berliner Chefs ihren Azubis laut Woweries heute eine höhere Flexibilität: „Sie kommen besser damit zurecht, parallel viele Themen zu bearbeiten.“

Was dagegen fast alle Befragten beklagen sind schwindende Sozialkompetenzen bei jungen Erwachsenen: Pünktlichkeit, Höflichkeit, Arbeitsmoral, Respekt. Aber das wusste ja schon Aristoteles.

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