Schule : Behalten Sie den Anzug ruhig an!

Er ist ein Gentleman, der im Gelände eine ausgesprochen gute Figur macht: Der neue Range Rover ist da

Roland Koch

Eigentlich ist er ja zu schick dafür, aber in diesem Fall muss es einfach sein. Heute geht’s dem Schönling an die Wäsche – auf Geröllpisten, schlammigen Feldwegen und staubigen Bergpfaden. Die Teststrecke, die die Scouts ausgesucht haben, verheißt für den auf Hochglanz polierten neuen Range Rover zwar nichts Gutes. Aber Äußerlichkeiten zählen heute nicht. Auf der Straße macht der sogenannte Luxus-Offroader im klassisch-zeitlosen Design sowieso eine gute Figur . Heute soll er zeigen, dass er auch abseits ausgebauter Straßen nicht so schnell klein beigibt. Augen auf und durch!

Seit vier Jahren ist der aktuelle Range Rover nun auf dem Markt. Da konnte eine ordentliche Modellpflege nicht schaden. Außen wurden die Fältchen ein wenig geliftet, auch der Innenraum ist etwas schicker geworden, und das Technikpaket wurde um das „Terrain Response“-System erweitert. Vor allem aber gibt es einen komplett neuen Motor für das knapp fünf Meter lange Topmodell der Briten: einen 3,6-Liter Achtzylinder-Turbodiesel mit satten 272 PS und einem bärigen maximalen Drehmoment von 640 Newtonmetern. Dieser Kraftprotz löst den bisher eingesetzten Sechszylinder ab.

Als wir an diesem Morgen in das Luxusgefährt steigen, strahlt die Sonne unschuldig vom Himmel, als hätte sie nie etwas anderes getan. Doch die beiden Tage zuvor hat es wie aus Eimern geschüttet. Auf der Strecke, die vor uns liegt, ist der Boden an vielen Stellen aufgeweicht. Mitunter könne man knietief versinken oder auf einem Bergpass auch einmal eine ungewollte Schlitterpartie einlegen. Eine Schlammschlacht mit dem eleganten Gentleman ist garantiert. Doch erst einmal sind rund hundert Kilometer auf gut ausgebauter Autobahn zurückzulegen, ausreichend Gelegenheit, sich miteinander bekannt zu machen.

Das Interieur vermittelt Wohlfühlstimmung pur. Und, siehe da, es gibt noch ein richtiges Zündschloss statt eines modischen Startknopfes. Leder und Holz sind die dominierenden Materialien. Das sieht gut aus und fühlt sich schön an. Aluminium und Chrom fügen sich in der Mittelkonsole und im Armaturenbrett harmonisch in diesen Mix ein. Die Instrumente sind übersichtlich angeordnet und klar ablesbar, nicht filigran, dafür solide. Allein die Vielzahl der Schalter macht das Eingewöhnen ein wenig schwer.

Jeff Scott ist der Geschäftsführer von Land Rover Deutschland. Er lobt das Vehikel in höchsten Tönen, seine technische Leistung, seine Geländegängigkeit und die Kultiviertheit. „Wir haben erstmals einen Fehlbetankungsschutz eingebaut.“ Denn der Dieselmotor sei so leise wie ein Benziner, sodass man damit verhindern wolle, dass an der Zapfsäule der falsche Sprit nachgetankt werde. Nun ist Mr. Scott ein Mann, der höchst seriös in seinem dunkelblauen Anzug auftritt, höflich und zuvorkommend. Aber in diesem Punkt ist man doch geneigt, anderer Meinung zu sein. Das für einen Dieselmotor typische „Nageln“ geht zwar dezent vonstatten. Aber für einen Benziner werden ihn wohl die wenigsten Fahrer halten.

Beim Wort nehmen sollte man Jeff Scott allerdings, wenn er von der Kraft spricht, die dieser Bolide mitbringt: Souverän treibt der neue Dieselmotor das 2,7 Tonnen schwere Gefährt nach vorn – man bedenke, dass das Gewicht immerhin dem von zwei VW Golf entspricht. Gut neun Sekunden reichen für den Spurt auf Tempo 100. So findet man sich schnell auf der linken Spur der Autobahn wieder, hoch über den anderen Autos thronend. Gegenüber dem Vorgänger-Diesel ist die Leistung des neuen Aggregats um gut 100 PS gestiegen. Der Range Rover mutiert damit zum Spaßmobil. Er ist flott, dabei wendig, reagiert zügig auf Bewegungen des Gaspedals und bietet jede Menge Rundumsicht.

Das Fahrverhalten des Geländegefährts gleicht auf der Straße dem einer Luxuslimousine. Das war von jeher die Philosophie dieses Autos. Die Luftfederung ist überaus komfortabel, die Windschutzscheibe mit einer geräuschdämmenden Beschichtung versehen. Dadurch werden die Fahr- und Windgeräusche bei allen Geschwindigkeiten angenehm von den Insassen ferngehalten. Fünf Passagiere finden bequem Platz und fühlen sich wohler denn je. Denn die überarbeitete Lüftung und Klimatisierung arbeitet ebenfalls leiser, und wenn es im Sommer einmal zu heiß wird, kann man die Vordersitze auch kühlen.

Gepäck passt reichlich in den Kofferraum. Bei umgeklappter Rückbank fasst er bis zu 2091 Liter und ist damit sogar als Transporter geeignet. In den Tank lassen sich bis zu 104 Liter Diesel füllen. Bei einem durchschnittlichen Verbrauch von gut elf Litern reicht das auch für längere Reisen. Unsere ist nach einer guten Stunde vorbei. Vor uns liegt nun das, was das zweite Gesicht des edlen Gefährts offenbaren soll: Matsch, Berge, Felsen.

Das ist der richtige Zeitpunkt, um zunächst das „Terrain Response“ zu aktivieren. Die wörtliche Übersetzung des elektronischen Helferleins beschreibt dessen Funktion recht treffend: „Antwort auf den Untergrund“. Je nach Gelände kann der Fahrer an einem kleinen Drehknopf in der Mittelkonsole eines von fünf Programmen auswählen, das die verschiedenen Steuerungen – etwa Traktion, Motormanagement oder Getriebe – ideal auf den jeweiligen Untergrund einstellt: auf „Gras/Schnee“ zum Beispiel, es gibt auch „Sand“ oder „Felsen“. Neu ist überdies ein elektronisch sperrbares Hinterachsdifferential. Hightech vom Feinsten, damit sollen auch Gelegenheits-Cowboys sicher über Stock und Stein kommen.

Die ersten Holper des Feldwegs meistert der dicke Kletterer souverän. Im Innenraum gibt es weder Knarzen noch Klappern. Auf einer schmalen Piste, die sich durch die Berge schlängelt, stehen wir schnell vor der ersten Herausforderung: Der Regen hat ein Stück des Wegs ausgespült. Ausgerechnet an einer Stelle, an der es steil bergan geht. Der Untergrund ist matschig, rechts geht es bestimmt hundert Meter bergab. Und es kommt, wie es kommen muss: Auf halber Strecke drehen alle vier Räder durch, der Range bleibt stecken. Die Blicke der Beifahrer bekommen plötzlich diesen „Wehe-du-versaubeutelst-das-hier“-Ausdruck. Was bleibt dem Fahrer übrig? Cool bleiben, Rückwärtsgang rein, runterrollen lassen. Gucken, ob das richtige Programm eingelegt ist. Tief Luft holen. Und dann einen neuen Anlauf gegen den Schlammberg wagen.

An der gleichen Stelle drehen die Räder auch diesmal durch, aber der Wagen stellt sich auch noch quer, die Beifahrer werden nervös. Aber irgendwo bekommen die Pneus endlich Grip, bringen den Wagen diesen einen Meter weiter als beim ersten Versuch und das reicht, um die Stelle zu überwinden. Tiefes Ausatmen auf allen Plätzen. Dann geht es wieder bergab, doch dort wartet schon die nächste Schikane: ein ausgetrocknetes Flussbett, in dessen erstem Teil halbmeterhohe Felsen liegen, im zweiten knietiefer Morast.

Der neue Range Rover hat eine Steigfähigkeit von 45 Grad, seitliche Neigungen bis 35 Grad sind möglich, und bis zu einem halben Meter tief kann man mit ihm durch Gewässer waten. Das sind Off-Road-Eigenschaften, mit denen man vor Flussbetten, ob ausgetrocknet oder nicht, nicht so schnell kapitulieren muss. Die exzellente Technik und die feine Elektronik schaukeln das Schiff locker durchs Gelände. Und so kraxelt er auch durch dieses Flussbett, wühlt sich durch den dicksten Matsch, klettert daraus wie eine Bergziege hervor. Dann steht er plötzlich wieder auf asphaltierter Straße, dreckig bis unters Dach, aber seelenruhig vor sich hingrummelnd.

Ja, den Ingenieuren von Land Rover ist wieder einmal ein schönes Automobil gelungen. Eines, mit dem man vor der Oper einen eleganten Auftritt hat, mit dem man entspannt auf große Reise gehen oder das große Abenteuer in der Wildnis suchen kann. Schade nur, dass es in Berlin so wenig Flussbetten und Bergpässe gibt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben