Behinderte Kinder : Zille-Grundschule gewinnt Preis für die Integration

Das gemeinsame Lernen behinderter und nichtbehinderter Schüler ist in Deutschland noch nicht die Regel. Berlin steht allerdings vergleichsweise gut da.

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Foto: Paul Zinken

Kurz nach neun Uhr bespricht die Klasse der „Löwen“ an der Kreuzberger Heinrich-Zille-Grundschule ihren Stundenplan. „Mathe“ steht da an der Tafel, „Sachunterricht“, „Hofpause“. Die Kinder lesen vor, was ansteht. Ein kleiner Junge versucht, vorne an der Tafel mit einem Stock auf die Wörter zu zeigen. Er steht ein wenig krumm da, tut sich schwer mit dem Stock und kommt nicht mit im Tempo der Vorleser. Schließlich stellt sich ein anderer Junge ganz selbstverständlich neben ihn und hilft.

Der sieben Jahre alte Hidircan ist geistig und körperlich behindert, drei weitere von 23 Kindern in der Klasse haben Lernschwächen und Behinderungen. Trotzdem gehen sie nicht in eine Förderschule, sondern in eine Grundschule. Für ihr Konzept, behinderte und nichtbehinderte Schüler gemeinsam zu unterrichten, bekam die Heinrich-Zille-Schule als eine von drei Schulen bundesweit vergangene Woche den „Jakob-Muth-Preis für inklusive Schule“. Träger des mit je 3000 Euro dotierten Preises sind unter anderem die Deutsche Unesco-Kommission und die Bertelsmann-Stiftung.

Das gemeinsame Lernen behinderter und nichtbehinderter Schüler ist in Deutschland – anders als etwa in Skandinavien – noch nicht die Regel. Berlin steht allerdings vergleichsweise gut da: Bundesweit lag die Integrationsquote 2008 bei rund 18 Prozent, in Berlin bei rund 40 Prozent. Die Zille-Grundschule nahm schon Mitte der 80er Jahre im Rahmen eines Schulversuchs förderbedürftige Kinder auf, sagt Leiterin Inge Hirschmann. Heute sind mehr als 40 von etwa 400 Kindern der Schule förderbedürftig, davon sind zehn geistig oder schwerstmehrfachbehindert. Alle werden – je nach Fähigkeit – in den Unterricht eingebunden.

Hidircan etwa, der sich wohlfühlt in der Gesellschaft der anderen Kinder, hat nicht dieselben Lernziele wie sie. Er arbeitet zum Beispiel daran, Farben richtig zu benennen. Vieles schaut er sich dabei von seinen Mitschülern ab, die stehen ihm liebevoll zur Seite. „Die Vorteile der gemeinsamen Beschulung, auch für die Kinder ohne Förderbedarf, sind ganz klar“, sagt Lehrerin Sabine Koller. Sie üben gegenseitige Rücksichtnahme und Unterstützung – und lernen, dass man mit allen Menschen Kontakt aufnehmen kann, wenn auch nicht unbedingt verbal.

Derzeit arbeitet die Bildungsverwaltung an einem Konzept nach Maßgabe der UN-Behindertenrechtskonvention für die Integration behinderter Schüler. Inge Hirschmann begrüßt das: „Wir sind eine Schule für alle.“ Dennoch müsse die Inklusion auch personell konsequent ausgestattet werden, fordert sie.

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