Behindertenintegration : Rätselhafter Anstieg

Ein beispielloser Anstieg bei der Zahl der Kinder mit Behinderung stellt Berlins Schulen vor große Probleme. Lehrerstellen werden knapp.

Susanne Vieth-Entus
Rollstuhl
Hürden beseitigen. Die körperbehinderten Schüler der Biesalski-Schule in Zehlendorf haben einen Film über Alltagsprobleme gedreht....Foto: Kitty Kleist-Heinrich -

Neuköllns Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) spricht von einer „innerstädtischen Explosion“. Insbesondere in Neukölln gebe es immer mehr Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten und Lernbehinderung. Die Schulaufsicht hat errechnet, dass die Zahl der Schüler mit Behinderung, die integriert werden sollen, allein in Neukölln gegenüber 2008 um 30 Prozent gestiegen ist. Eine schlüssige Erklärung gab es dafür am Donnerstag nicht.

Möglicherweise hänge der Anstieg damit zusammen, dass immer mehr Kinder aus bildungsfernen Schichten kommen, vermutet Schimmang. Förderung finde in diesen Elternhäusern kaum statt. Dies könnten die Schulen nicht ausgleichen. Viele Kinder seien sozial und emotional so gestört, „dass sich das keiner vorstellen kann“, fasst Schimmang seine Eindrücke aus jüngsten Schulbesuchen zusammen.

Der TU-Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz warnt vor übereilten Schlüssen. Er hält es für ausgeschlossen, dass es in Neukölln 30 Prozent mehr Kinder mit Förderstatus gibt. Hier habe sich möglicherweise etwas bei den Kriterien für die Einstufung geändert. Gleichwohl gebe es einen steigenden Bedarf, auf den der Senat reagieren müsse. Es sei „unakzeptabel“, wenn Schulen jetzt Stellen verlören, weil anderswo zusätzlicher Bedarf entstanden sei.

Genau dies passiert aber zurzeit. So bangt die Rudower Clay-Gesamtschule um ihr Konzept der Behindertenintegration, weil sie zwei bis drei Stellen verliert. Dies bedeutet, dass die Lehrer kaum noch zu zweit im Unterricht sein können. Ein Lehrer allein könne sich aber nicht um die gesamte Klasse und dabei noch angemessen um die Belange der Lernbehinderten kümmern, gibt das Kollegium zu bedenken. Auch Schüler meldeten sich am Donnerstag zu Wort, um den Erfolg des bisherigen Clay-Konzeptes zu würdigen.

Was auf dem Spiel steht, beschreibt Vize-Schulleiter Lothar Semmel vom GEW-Schulleiterverband. „Wenn es bei den Kürzungen bleibt, müssen wir uns von der Integration verabschieden“. Dabei hat seine Schule auf Bitten des Bezirks und der Schulaufsicht gerade eine zweite Integrationsklasse aufgemacht, denn die Nachfrage ist da und durch einen gesetzlichen Anspruch geschützt. Elternvertreter Detlev Stoldt ist „richtig sauer“ darüber, dass der Senat „von Chancengerechtigkeit spricht, und dann die Stellen für die Behindertenintegration deckelt“. Die Elternschaft sammelt gerade Unterschriften für einen Protestbrief.

Die Bildungsverwaltung verweist darauf, dass Berlin knapp 1300 Stellen in die Integration steckt. In welchem Umfang der Bedarf in den einzelnen Bezirken gestiegen ist, konnte sie nicht sagen. Allerdings verwies Sprecher Kenneth Frisse darauf, dass es „Schwankungen“ gebe. So betrage der Anstieg der behinderten Kinder in Neukölln zwar 30 Prozent gegenüber 2008, aber nur 16 Prozent gegenüber 2007. Dem Vernehmen nach sind vor allem in einigen östlichen Bezirken viel mehr Kinder für die Behindertenintegration angemeldet worden als bisher.Susanne Vieth-Entus

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