Schule : Bella Figura

Italienische Autodesigner gelten als besonders kreativ – ihre Kunst ist in Berlin ausgestellt

Ingo Wolff

Es sind die weichen Rundungen, die das Auge immer und immer wieder über die Karosse gleiten lassen. Es gibt keine Kan- te, an der sich der Blick stoßen kann, und trotzdem wirkt der Ferrari Rossa schnittig. Sein Rot zieht den Blick magisch an. Der Ferrari Rossa ist ein Meisterwerk. Die Designer von Pininfarina haben den Prototyp im Jahr 2000 zum 70-jährigen Jubiläum ihrer Autoschmiede entworfen und damit auch den Abschluss des vergangenen Jahrhunderts gefeiert.

Es war eine Zeit, in der sich die Region Piemont zum Zentrum des Autodesigns in Italien entwickelte. Hier entstanden Fahrzeuge, die in ihrer Form und in ihrem Stil als außergewöhnlich ästhetisch gelten. Doch nicht nur das Design wird bei den führenden Unternehmen wie Pininfarina, Idea Institute, Bertone oder Italdesign Giugiaro entwickelt, hier entsteht auch Funktionalität. Denn jene, die Modell-Linien für schöne Autos entwerfen, sind keine reinen Künstler. Sie sind auch Konstrukteure und Ingenieure, sie geben den Autos neben der Karosserie auch das Innenleben.

In keiner anderen Region der Welt sitzen so viele erfolgreiche Autoentwickler wie in der Umgebung von Turin. In einem Radius von wenigen Kilometern sind es mehr als 20 Firmen, die nicht nur die Formen von Alfa Romeo, Ferrari, Lamborghini, Lancia, Maserati und Fiat entwerfen, sie haben auch die Linien vieler Autos in der ganzen Welt geprägt.

Der erste VW Golf wurde auf einem Zeichenbrett bei Giugiaro entworfen, der Ferrari Testarossa bei Pininfarina. Eine richtige Erklärung dafür, warum ausgerechnet in einem so kleinen Gebiet die meisten der schönsten Autos entworfen werden, gibt es nicht. Nur ein paar Erklärungsversuche. Designprofessor Paolo Tumminelli begründet einen großen Teil der Ästhetik mit der Tradition. In Turin und Umgebung haben sich viele Autodesigner deshalb niedergelassen, weil dort mit Fiat auch der größte Autobauer des Landes angesiedelt war. „Sie waren nicht nur sehr kreativ, sondern auch sehr produktiv.“ Die Menschen im Piemont gelten als besonders fleißig und gewissenhaft. Schon in den ersten Jahren des Automobilbaus entstanden hier Schulen, in denen notwendiges Wissen vermittelt wurde.

Tumminelli glaubt aber auch, dass es im Piemont ein besonderes Schönheitsempfinden gibt. „Italien war immer ein Land mit vielen Einflüssen von außen. Die haben wir beobachtet und in unseren Stil mit aufgenommen“, sagt der italienische Autoprofessor: „Die Renaissance hat bei uns starke Spuren hinterlassen.“ Einer der größten Künstler dieser Epoche hat schon damals das Modell eines Automobils entworfen: Leonardo da Vinci. Nach heutigen Computerberechnungen waren seine Zeichnungen auf dem Blatt 812r des „Codex Atlanticus“ tatsächlich fahrtauglich. Drei nachgebaute Modelle sind derzeit in einer Berliner Ausstellung im Meilenwerk zu sehen. „Shape Mission“ eröffnet die Schau über das italienische Autodesign mit den 500 Jahre alten Mustern dieses ersten selbstfahrenden Wagens der Welt.

Die Ausstellung des Italienischen Kulturinstituts in Berlin ist eine Reise durch die Geschichte des Designs. Von den ersten Entwürfen über die Entwicklung des Prototyps bis hin zur Serienproduktion werden die Entwicklungsschritte aufgezeigt. Und die Ausstellung versucht auch eine Antwort auf die Frage zu geben, warum ausgerechnet in den Werkstätten um Turin eine so hohe Kreativität existiert. „Die Entwicklung eines Autos dauert hier nur vierzehn Tage“, sagt Paolo Tumminelli. „In Deutschland ist der Prozess viel länger.“ Die italienischen Designer seien bereit, alle Konventionen über den Haufen zu werfen und sich bei einer Neuentwicklung auch tatsächlich vollkommen neu zu orientieren. Und weil sie nicht zu sehr an alten Formen und Traditionen im Karosseriebau festhielten, seien sie dann eben auch in der Lage, schneller als andere auf die Erwartungen des Marktes einzugehen. Eine Zeichnung zeigt in der Ausstellung ein Auto mit steiler Linie, die ohne Wölbung vom Heck bis zu den Frontleuchten verläuft. „So ein Auto wäre in Deutschland undenkbar“, sagt Tumminelli. Mittlerweile sei bei den großen Designwerkstätten in Italien eine Trendwende zu erkennen. „Battista Pinin Farina war ein Designer wie Giorgio Armani. Ein Meister, der neben dem Design auch sein Handwerk in der Funktionalität verstand.“ Solche Koryphäen seien heute nicht da. Außerdem sei die Autoproduktion viel technischer geworden. In Farinas Zeit haben die Designer ihre Autos noch mit der Hand modelliert – wie Bildhauer in Gips und Holz. Heute entstehen die Modelle am Computer. „Da fehlt das Gefühl für das Werkstück“, sagt Tumminelli.

Dennoch haben sich die Werkstätten, von denen die meisten inzwischen börsennotierte Großunternehmen geworden sind, ihren guten Ruf in der Welt bewahrt. Sie werden weiter von Unternehmern in den USA, Japan, Frankreich und Deutschland beauftragt. Mehr als 100 Millionen Autos sind nach den Ideen aus Turin und aus dem Piemont bis heute produziert worden. Der geschätzte Jahresumsatz der 22 Autodesigner in der Region liegt bei zwei Milliarden Euro. Mehr als 10 000 Angestellte haben in den letzten drei Jahren rund 300 Prototypen kreiert, 60 davon sind in die Serienproduktion gegangen. Und nur eines ist in den letzten hundert Jahren in dieser Region immer gleich geblieben: die Liebe für schöne Formen.

„Shape Mission“ ist bis zum 19. August 2005 täglich geöffnet von 12 bis 19 Uhr im Meilenwerk, Moabiter Wiebestraße (Eingang Sickingenstraße). Der Eintritt kostet vier Euro (ermäßigt zwei Euro), da Vincis Modelle sind kostenlos zu sehen.

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