Berlin, 20. September 1961 : Liebe Enkelin Lia!

Diesen Brief hat der Großvater der elfjährigen Lia an seine Enkelin geschrieben.

Um Dir zu erzählen, was hier im Moment los ist, muss ich ein bisschen weiter ausholen. Im letzten Monat (August) waren mein Bruder Tadeusz und ich mal wieder „verschickt“. Das ist so eine berlintypische Angewohnheit. Einige kirchliche Organisationen ermöglichen es Berliner Kindern, in den Ferien mal sechs Wochen in einer Familie in Westdeutschland sich in frischer Luft und Sonne vom anstrengenden Großstadtleben und der Schule zu erholen. Dann haben die eigenen Eltern endlich mal SFB (sturmfreie Bude)!

Wir waren dieses Jahr in einem Kaff bei Aschaffenburg. Ich wohnte bei der Familie Schulz, schon zum zweiten Mal, die hatten unten in ihrem Häuschen ein Café und mein 6-Wochen-Vater war der Bürgermeister. Vor ein paar Wochen dann, es war der 13. August, kam mein 6-Wochen-Bruder Peter, der war schon 16 und hatte ein Moped (Quickly), zu mir und verkündete mir: „Haha, jetzt werdet ihr in Berlin alle Russen!“ Da er mich ständig mit irgendwelchem Quatsch aufzog, hab’ ich nicht weiter darüber nachgedacht, aber später haben mir meine Ferieneltern erzählt, was sie in den Nachrichten gesehen haben. Ostdeutsche Bauarbeiter hatten begonnen, um ganz Westberlin eine Mauer zu bauen.

Dazu muss man vielleicht erklären, dass nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschland von den Siegermächten in zwei Teile geteilt worden ist. In Westdeutschland und Ostdeutschland, und mitten in Ostdeutschland lag nun Berlin, das wiederum in Westberlin und Ostberlin unterteilt wurde. Ganz schön kompliziert, wa? Um es nicht noch schlimmer zu machen, bleibe ich jetzt mal nur bei Berlin. Ostberlin wird von den Russen regiert, hier herrscht der Sozialismus und die drei Westsektoren Berlins unterstehen den Engländern, den Franzosen und den Amerikanern. Bei uns heißt die politische Weltanschauung Kapitalismus. (...)

Jetzt gab es wohl in der letzten Zeit irgendwelche internationalen Streitereien, frag mich nicht wieso, ich hab’ keinen blassen Schimmer und ich glaube, es geht den meisten Erwachsenen genauso. Jedenfalls sind alle ein bisschen nervös, wenn es um Politik geht, viele reden vom Dritten Weltkrieg und vom Abhauen aus Berlin, aber nüscht jenaues weeß man nich! Na jedenfalls haben sie uns Westberliner nun eingemauert. (...)

Tja, von dem Mauerbau hab’ ich also in der Ferne kaum was mitgekriegt, aber ich kann Dir erzählen, wie es hier jetzt, ein paar Wochen nach dem 13. August, aussieht. Eigentlich merk’ ich davon fast gar nichts, außer wenn ich jeden Freitag zur Chorprobe fahre. Freitags ist immer Chorprobe in der Kirche in der Stresemannstraße und danach toben wir noch auf dem Ruinengelände herum, das dahinter anfängt. Da kommen wir manchmal bis zur Kreuzung Koch-/Ecke Friedrichstraße und genau da trifft der amerikanische auf den sowjetischen Sektor. Der Durchlass, der dort die Mauer unterbricht, heißt Checkpoint Charlie. Und da stehen sich ständig die russischen und amerikanischen Panzer gegenüber. Das sieht ganz schön bedrohlich aus, diese langen Kanonen, die breiten Ketten und die Soldaten mit ihren Maschinengewehren. Wenn die dann noch die Motoren anschmeißen und auf dem Asphalt hin- und herfahren, ist es vor lauter Krach kaum auszuhalten. (...) Ich hoffe nur, dass dieses ganze Theater bald vorbei ist.

So, liebe Lia, das war’s erst mal aus der Vergangenheit. Ich hoffe auf ein Kennenlernen in der Zukunft ohne Mauer und stinkende Panzer.

Ich freu’ mich, Dein Opa Raimund.

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