Berlin-Tempelhof : Zu den Kindern vom Kamper See

Eine Flüchtlingsklasse aus Tempelhof erinnert an ein Kriegsunglück am Kamper See, heute Resko Przymorskie, in Polen.

Simon Grothe
Gedenken am See. Schüler aus Berlin und Polen in Resko Przymorskie. Foto: Uwe Zucchi
Gedenken am See. Schüler aus Berlin und Polen in Resko Przymorskie. Foto: Uwe Zucchi

Vor 70 Jahren, kurz vor Kriegsende, stürzte in Pommern, heute Polen, ein Flugzeug mit fast 80 Kindern an Bord ab. Die Umstände sind bis heute unklar. Manche geben sowjetischen Panzern die Schuld, manche meinen, das Flugzeug war zu voll. Die Wasserflugzeuge vom Typ Dornier Do 24 waren eigentlich für 18 Insassen ausgelegt. Sicher ist, dass die Maschine seit 70 Jahren auf dem Grund des Kamper Sees, heute Resko Przymorskie, in Polen liegt. Ein tragischer Ausgang der Kinderlandverschickung, bei der die Nazis versuchten, Kinder aus Frontbereichen zu evakuieren. Ziel war die Insel Rügen. Im März 1945 standen die sowjetischen Truppen in Polen.

Gedenken an deutsche Kinder

Das Thema Flucht spielt auch in der neunten Klasse der Tempelhofer Johanna-Eck-Schule eine große Rolle. Alle Schüler dieser Klasse haben einen Migrationshintergrund, fast alle sind Flüchtlinge. Eine Willkommensklasse ist das aber nicht, sagt Lehrer Uli Scholz. „Willkommen hat etwas mit Abschied zu tun. Wir nennen es Seiteneinsteigerprogramm.“ Anfang März haben die Schüler gemeinsam mit zwanzig Schülern des Zbigniew-Herbert-Lyzeums aus Trzebiatów in Polen der Kinder gedacht, die bei dem Absturz ums Leben kamen. Die Fahrt wurde vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge organisiert und von der Flick-Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz finanziert.

Einer der Schüler ist Islam. Islam ist 16 und in Tschetschenien geboren. Sein Vater hatte politische Probleme, sagt er. Weiter will er nicht darüber reden. Wohl aber über seine Haltung zum Thema Krieg: „Wir dürfen die Geschichte nicht vergessen!“ Eine Mitschülerin fügt hinzu: „Deutschland hat Polen überfallen und jetzt ist Frieden.“

Islam ist seit zwei Jahren in Deutschland. Ob er mit Mitschülern andere Sprachen als Deutsch spricht? „Welche denn? Keiner versteht meine Heimatsprache, also muss ich Deutsch sprechen“.

Der Wille, hier in Deutschland Erfolg zu haben, eint die Schüler. „Endlich“, sagt Islam, „kann ich hier zur Schule gehen.“ Deutschland ist bereits die fünfte Station seiner Flucht. „Die Schüler aus unserem Seiteneinsteigerprogramm gehören zu den besten“, sagt Uli Scholz. „Sie sind am motiviertesten und wollen in Deutschland etwas erreichen.“ Neulich habe ein neuer Schüler zu ihm gesagt: „In Syrien hat in die Schule keinen Spaß gemacht.“ Schüler aus autoritären Schulformen in Osteuropa oder dem Nahen Osten seien überrascht wie locker hier die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern ist und daher umso ehrgeiziger.

Ehrgeizige Schüler

Die jugendlichen Flüchtlinge haben in ihren neuen Klassen zusätzlich zum Deutschunterricht auch andere Fächer wie Mathe und Ethik. „Für die Sprachentwicklung ist auch die Fachsprache wichtig“, sagt Scholz. Wenn die Schüler das Sprachniveau B1 erreicht haben, kommen sie in eine neunte, manchmal auch direkt in eine zehnte Klasse. Das passiert ganz individuell, je nach Leistungsstand. Vor ein paar Jahren habe es eine Schülerin gegeben, die im Winter ganz ohne Deutschkenntnisse hergekommmen war, im folgenden Sommer bereits in eine neunte Klasse wechseln konnte und dann bald ihren mittleren Schulabschluss geschafft habe. Auch in diesen Regelklassen sitzen nur ehemalige Flüchtlinge, das hat die Johanna-Eck-Schule mit Absicht so organisiert: „Damit haben wir die besten Erfahrungen gemacht“, so Scholz.

Für die Fahrt nach Polen haben sich die Schüler selbst ein Projekt ausgedacht. Sie bastelten knapp 100 Papier-Tauben, die sie in der Aula der polnischen Schule am Kamper See anbrachten. Auf die Rückseite schrieben sie Wünsche und Botschaften an die verstorbenen Kinder. Eine Schülerin schrieb: „Wir vergessen euch nicht.“

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