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Berliner Berufsschulen : Drei Schulleiter und eine Kettenreaktion

Ein Schulleiter musste gehen, der andere wollte gehen und plötzlich hilft ein Kreuzberger in Weißensee aus.

Am Oberstufenzentrum Handel I in Kreuzberg (hier ein Archivbild) soll zum 1. April die ehemalige Lichtenberger Bildungsstadträtin die Leitung übernehmen.
Am Oberstufenzentrum Handel I in Kreuzberg (hier ein Archivbild) soll zum 1. April die ehemalige Lichtenberger Bildungsstadträtin...Foto: Mike Wolff

Die umstrittene Fusion der Marcel-Breuer- mit der Martin-Wagner-Schule in Weißensee bereitet offenbar weiterhin Probleme: Jetzt soll der erfahrene ehemalige Schulleiter der größten Schule Berlins, Hans-Peter Scharke, "den Fusionsprozess begleiten", wie die Bildungsverwaltung auf Anfrage bestätigte.

Die Breuer-Schule hat keinen regulären Schulleiter mehr, seitdem im September 2016 ihr langjähriger und anerkannter Leiter Holger Sonntag versetzt worden war. Wie berichtet, hatte Bildungs-Staatssekretär Mark Rackles (SPD) ihm im Zusammenhang mit der beschlossenen Fusion eine mangelnde „kooperative Grundeinstellung“ vorgeworfen hatte. Sonntag arbeitet seither in der Schulaufsicht. Proteste anderer Schulleiter und seiner eigenen Schüler und Kollegen begleiteten seinen Abgang.

Die Gründe für die Querelen sind vielfältig. Ursprünglich sollte die Wagner-Schule weitgehend abgewickelt werden, wogegen sich aber starker Widerstand seitens der Schule bildete. Als die Linke die Lage der Wagner-Schule im Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses im Juni thematisierte, verteidigte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zunächst den Abwicklungsplan. Später gab es ein Umdenken, über dessen Gründe nichts Offizielles verlautete. Jedenfalls sollte Sonntag dann den Fusionsprozess gestalten, wobei es zu Querelen mit dem Wagner-Kollegium kam. Ihm wurde vorgeworfen, die Belange der Wagner-Schule nicht genügend zu berücksichtigen.

Eine Steuerungsgruppe arbeitet seit sechs Monaten

Seither ist eine "Steuerungsgruppe" damit beschäftigt, die strittigen Fragen zu klären. Ob die Leitungsposition, also Sonntags ehemalige Stelle, inzwischen ausgeschrieben wurde, war am Montag nicht zu klären. Fest steht nur, dass das Gremium allein offenbar nicht ausreicht, um die Fusion zu gestalten. Andernfalls wäre die Verwaltung wohl kaum auf die Idee gekommen, Scharke aus dem gerade begonnenen Ruhestand zurückzuholen.

Und die Neue kommt aus Lichtenberg

Wobei auch Scharkes Abgang nicht ohne negativen Beigeschmack war: Er hatte es abgelehnt, in den letzten Monaten vor seiner regulären Pensionierung seine Nachfolgerin einzuarbeiten, die Lichtenberger Ex-Bezirkspolitikerin Kerstin Lehsnau. Wie bereits berichtet, handelt es sich bei Lehsnau um die ehemalige SPD-Bildungsstadträtin des Bezirks. Scharke hätte lieber eine Nachfolge begrüßt, die den Schulalltag in den vergangenen Jahren selbst erlebt hat. "Mir missfällt die Art und Weise, wie hier ehemalige Politiker versorgt werden", begründet Scharke seine Weigerung, Lehsnau längere Zeit einzuarbeiten. Er beschloss deshalb, drei Monate vorzeitig in den Ruhestand zu gehen - was er aber nun rückgängig machte, um in Weißensee die Leitung zu übernehmen: "Das ist eine Herausforderung", freut sich Scharke.

Lehsnau war mal Juso-Vorsitzende

Lehsnau ist in der BVV Lichtenbergs als SPD-Bezirksverordnetete aktiv. Früher war sie Juso-Landesvorsitzende in Berlin. Das war um 2000 herum, und damals hieß sie noch Kerstin Beurich-Kusche. Beurich arbeitete dann als Lehrerin und wurde 2006 und 2011 jeweils Bildungsstadträtin in Lichtenberg. Ihr Ziel, nach Ablauf ihrer zweiten Wahlperiode, die Eliteschule des Sports in Hohenschönhausen zu leiten, erreichte sie nicht: Sie zog ihre Bewerbung zurück. Zur Begründung sagte sie dem Tagesspiegel im Juli 2016, dass nicht alle Bewerber "dieselben Chancen" gehabt hätten.

Das Oberstufenzentrum (OSZ) Handel I in Kreuzberg, das sie jetzt stattdessen leiten wird, ist eine Berufsschule mit etwa 5000 Schülern. Sie ist nicht nur die größte Schule Berlins, sondern gilt auch als zweitgrößte Schule Deutschlands. Vor einigen Wochen geriet sie in die Schlagzeilen wegen ihrer maroden Abwasserleitungen. Die Schule hat einen millionenschweren Sanierungsbedarf.

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