Berliner Schüler diskutieren über Islamismus : Reden, reden, nochmals reden

Warum wird man Islamist? An einer Moabiter Schule diskutieren Jugendliche über Terrorismus und den Umgang mit Rückkehrern aus Terror-Ausbildungscamps.

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Lehrerin Carolin Arlt-Gleim und ihre Schüler an der Heinrich-von-Stephan-Schule in Moabit.
Lehrerin Carolin Arlt-Gleim und ihre Schüler an der Heinrich-von-Stephan-Schule in Moabit.Foto: Davids/Michael Brunner

Auf einer Tafel steht der Satz „Warum wird man Islamist?“, davor sind die Stühle zu einem lang gezogenen Halbkreis formiert, und durchs Klassenzimmer weht ein Hauch von Pathos. Bissan* hat das Grundgesetz aufgeschlagen und zitiert so hoheitsvoll, als würde er von einer Kanzel predigen, Paragraf 16. Kein Deutscher, steht da, darf ausgebürgert werden, außer er stelle eine Gefahr für den Staat da. Bissan schließt seinen Vortrag mit einem strengen Blick in die Menge.

Morgenkreis der Klasse M 1, Heinrich-von-Stephan-Schule, Moabit. 16 Schüler und Schülerinnen debattieren über Anschläge im Namen des Islam. Fünf in der Gruppe der 14- und 15-Jährigen sind Muslime. Anlass der Diskussion sind die Morde in Paris, die Anschläge auf die Satiriker von „Charlie Hebdo“, aber es ist ein zeitloses Thema. Jetzt gerade am Wochenende haben in Kopenhagen wieder Attentate stattgefunden, zwei Menschen wurden ermordet. Die Diskussion in der M 1 würde heute genauso laufen wie nach Paris.

Das Grundgesetz, Paragraf 16, ist die Antwort auf eine These von Max, blonde Haare, wild bedrucktes T-Shirt. Max hatte verkündet: „Das klingt jetzt krass, aber ich würde solche Attentäter, wenn sie in Deutschland wohnten, nicht mehr einreisen lassen.“ Mit der These steht er allein, verschiedene Argumente prasseln auf ihn ein. Onur, Muslim, hat einen wachen Blick hinter seiner Brille, er sagt: „Die sind doch oft in einem Alter, in dem sie nicht wissen, wo oben und unten ist. Die sehen keine Perspektive. Wenn die nachgedacht und gemerkt haben, dass es falsch ist, was sie verursacht haben, dann soll man ihnen helfen.“ Er meint auch Leute in Ausbildungscamps. Und irgendwann zitiert Bissan das Grundgesetz.

In dem nüchternen Klassenzimmer läuft eine bemerkenswerte Diskussion. Sie läuft über Argumente, über Meinungen, die begründet werden, Finger heben sich, die Schüler hören sich gegenseitig zu, keiner wirft Schlagworte in die Runde und betrachtet Lautstärke als bestes Argument. Und im Hintergrund, aber trotzdem stets präsent ist Carolin Arlt-Gleim, die Lehrerin. Feinfühlig in der Moderation, aber hellwach für Stimmungen, die kippen können.

„Sind solche Anschläge okay?“, fragt sie. Natürlich ist das keine Frage, die ernsthaft großen Spielraum für Antworten lässt. Die Pädagogin will bloß die Diskussion in Gang bringen. „Nein“, antwortet Philipp, „man kann sich beschweren, aber Menschen umzubringen, ist der falsche Weg.“ Ein anderer sagt zögernd, eher leise: „Im Islam sind Mohammed-Karikaturen verboten. Weil sonst Menschen denken könnten, er sehe wirklich so aus.“ Philipp wird energisch: „Christen regen sich auch auf, wenn man ihre Religion verhöhnt, aber die töten niemanden.“

Niemand im Morgenkreis zeigt auch nur annähernd Verständnis für Morde im Namen des Islam. Aber wie soll man solche Islamisten behandeln? Wie verhindert man das Abdriften in eine radikale Ecke? Bei diesen Fragen ziehen sich argumentativ Risse durch die Gruppe.

„Was haben wir falsch gemacht, was können wir tun?“, fragt Carolin Arlt-Gleim.

Ein Schüler, der bis dahin stumm die Debatte verfolgt hat, meldet sich: „Wir können die Leute, die helfen, unterstützen.“ Ein anderer sagt: „Man kann den Kindern und Jugendlichen alles erklären.“ Man kann ihnen erklären, dass der Islam Gewalt ablehne, das es eine friedliche Religion sei, meint er damit.

Onur, der Junge mit der Brille, sagt: „Ein Freund von mir ist radikal, der rechtfertigt solche Gewalttaten. Mich regt das total auf. Der hat die falschen Freunde kennengelernt.“ Tim erklärt: „Wichtig ist, dass man mit den jungen Leuten, die in einem Ausbildungscamp waren, nach ihrer Rückkehr redet.“

Verständnis zeigen, Ablehnung nicht mit Ablehnung beantworten, das ist die Meinung von einigen im Kreis. Jan, bis dahin auch stummer Zuhörer, sagt: „Man sollte solchen Leute eine Perspektive bieten.“ Genau, sekundiert Onur: „Gefängnis ist sinnlos. Wenn man die zusammen- setzt, werden die noch radikaler.“ Er will damit sicher nicht sagen, dass Strafe sinnlos ist, er meint eher, was auch Experten sagen: Wenn man Radikale zusammen- sperrt, werden sie noch radikaler.

„Was kann man also machen?“, fragt Carolin Arlt-Gleim.

Onur sagt: „Man kann aufklären, in der dritten und vierten Klasse. Und man sollte Leute bei jenen Familien vorbeischicken, in denen es Probleme gibt.“ Elif, Muslima, zieht die Brauen hoch. „So etwas würde ich nicht akzeptieren.“

Und dann sorgt Jeremy dafür, dass die Diskussion ihre abstrakte, ihre harte, grundsätzliche Thematik verliert, dass Argumente direkt ins Herz fließen. Jeremy sagt: „Wenn mein Kind nach Syrien ginge, würde ich ihm verzeihen.“ Ja, ergänzt Onur mit weicher Stimme, „Mord ist nicht okay, aber es ist doch mein Kind.“ Büsra lehnt sich leicht zurück, der Blick geht zu einem unbestimmten Punkt. „Was ist denn, wenn so jemand in die Familie zurückkommt und erlebt die gleiche Atmosphäre wie früher?“, sagt sie. „Dann ändert sich doch nichts. Man müsste ihn viel besser behandeln. Als Mutter würde ich sehr aufpassen, dass es ihm gut geht.“

In diesem Moment ist die Debatte ganz nah bei den wohl entscheidenden Antworten. Bei jenen Punkten, die jemand unter der Frage „Warum wird man Islamist?“ notiert hat: „Suche nach einer funktionierenden Gemeinschaft“, „Familie“ und, ganz am Ende, „Zugehörigkeit“.

* Namen der Schüler sind geändert

Neuköllner Schüler kondolieren

Nach den Terroranschlägen in Paris haben Schüler des Neuköllner Ernst-Abbe-Gymnasiums an ihrer Schule ein Kondolenzbuch ausgelegt und rund 300 Unterschriften gesammelt. Die Schüler, von denen über 90 Prozent einen Migrationshintergrund haben und die mehrheitlich muslimischen Glaubens sind, wollen damit ihre Erschütterung ausdrücken und Solidarität und Mitgefühl für die Angehören der Opfer bekunden. Das Kondolenzbuch wurde nun der Französischen Botschaft in Berlin überreicht. svo

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