Berliner Schuldschungel (2/3) : Lächeln und durchhalten

An Berlins Oberschulen Fremdsprachen zu belegen, ist kein Problem. Selbst Japanisch und Chinesisch werden angeboten. Sie bieten Berufschancen auf neuen Märkten. Eine mutige Wahl und der Beginn eines Abenteuers.

Werner Kurzlechner
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Qual der Sprachwahl: Das Felix-Mendelssohn Gymnasiums in Berlin-Prenzlauer Berg bietet Japanisch-Unterricht. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Zu zweit oder dritt hängen Achtklässler des Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasiums in Prenzlauer Berg über großen Papierbögen. Die sind in fünf Felder aufgeteilt, die Mädchen und Jungen malen Menschen beim Frühstück, beim Lesen oder beim Zähneputzen hinein und betexten sie mit japanischen Schriftzeichen. So wirkt Vokabeln pauken ein bisschen wie Comics zeichnen. Zwischendurch holt Lehrerin Mutsuko Tomita jemand an die Tafel und fragt japanische Vokabeln ab.

Das gute Dutzend Achtklässler lernt seit Beginn des Schuljahres als dritte Fremdsprache Japanisch. Vielen gab erst die Lust an der japanischen Subkultur der Mangas und Anime-Trickfilme den entscheidenden Kick, sich in das Abenteuer zu stürzen. Der Einstieg fällt den meisten Neulingen leichter als angenommen. Flavia konnte sich früher kaum vorstellen, die seltsamen Schriftzeichen zu lesen: „Jetzt lerne ich jede Woche fünf davon, und es klappt ganz gut.“

Mutsuko Tomita lässt ihre Schüler jedes Wort so oft aussprechen, bis die Betonung exakt stimmt. Auf Sorgfalt kommt es ebenso an wie auf das Gefühl für die Sprache. „Tomita-Sensei“, Lehrerin Tomita, wiederholt alle Sätze, damit sich der fremde Klang einprägen kann. Ansonsten versucht die Frau aus Tokio, den Schülern die Scheu vor der Sprache zu nehmen. Sie behauptet, Deutsche könnten wesentlicher leichter Japanisch lernen als ihre eigenen Landsleute Deutsch. Sie selbst habe sich noch im Studium an der Humboldt-Universität gequält. Die Grammatik ihrer Muttersprache sei recht einfach, Wörter würden genauso ausgesprochen wie geschrieben. Das aus 48 Schriftzeichen bestehende Alphabet beherrsche ein Anfängerkurs wie dieser schon nach ein paar Monaten ganz gut.

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Schön schwungvoll! -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der leichte Einstieg aber ist nur der Beginn eines langen Abenteuers. Ausdauer ist gefragt. Wer das einigermaßen übersichtliche Grundalphabet beherrscht, kann noch längst nicht jeden japanischen Text lesen. Denn die „Hiragana“ mit ihren knapp 50 Zeichen ist nur eine von mehreren gebräuchlichen Schriften. Es gibt noch die „Katakana“, mit der Japaner aus der westlichen Kultur entlehnte Wörter darstellen; vor allem aber die ursprünglich chinesischen „Kanji“-Symbole – und zwar in Hülle und Fülle. „Zum Glück wandeln Computer in Hiragana eingegebene Wörter automatisch in Kanji um“, sagt Referendar Johannes Kaumanns, der häufig in Frau Tomitas Unterricht hineinhört. Er lebte selbst einige Jahre in Japan und hat mit der „Kanji“ immer noch Mühe.

Japanisch als Fremdsprache: Viele Schüler schnuppern nur kurz hinein und wählen es bald wieder ab. Dabei würde Durchhalten sich wohl lohnen. In einer Broschüre der Senatsbildungsverwaltung heißt es: „Durch die Vermittlung des andersgearteten Systems von Sprache und Schrift im Japanisch werden andere Denk- und Wahrnehmungsstrukturen gefördert, die für die Schüler anspruchsvolle Herausforderungen sind.“ Ein Ziel des Unterrichts sei es, bei den Schülern Toleranz zu wecken. Die Jugendlichen sollen lernen, eigene Werte zu hinterfragen. „Die in der Schule erlangte Vertrautheit mit der japanischen Kultur kann später Schlüssel zu beruflichen Tätigkeiten sein“, urteilt die Verwaltung. Schließlich sei Japan hinter den USA die zweitgrößte Industrienation der Welt. Es gibt Schüler, die bei der Sprachwahl tatsächlich in die Zukunft und an die eigene Karriere denken. Ein Zehntklässler aus Frau Tomitas Gruppe möchte später Computerspiele entwickeln. Weil diese Branche in Japan besonders stark ist, hat er sich für den Japanischunterricht entschieden.

Noch schwieriger ist, was Neuntklässler am Humboldt-Gymnasium in Tegel sich vorgenommen haben: Chinesisch. „Da ist Fleiß gefragt – wie früher beim Bau der Pyramiden“, sagt Lehrerin Wu Jiang. Anders als im Japanischen gibt es bei der Schrift nicht einmal ein Basis-Alphabet mit einer überschaubaren Zahl an Buchstaben. Jedes Schriftzeichen steht für ein eigenes Wort oder den Teil eines Wortes. Im Unterricht arbeiten die Schüler mit einer Lautschrift namens „Hanyu Pinyin“. Auf diesem Weg lassen sich Schreiben und Sprechen getrennt voneinander erlernen. Mit ihrer neunten Klasse spielt Frau Wu dann beispielsweise Situationen in einem Café nach. Die Schüler schlüpfen in die Rolle von Gast und Kellner und trainieren die feinen Nuancen des gesprochenen Chinesisch. Wer Nudeln möchte, bestellt „miantiao“, Brot heißt „mianbao“. Der Wortstamm ist gleich, in beiden Lebensmitteln steckt schließlich Getreide.

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Feuer und Flamme sind die Schüler von diesem Angebot. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich



Chinesischunterricht ist an Berlins Schulen stärker verankert als Japanisch. 2007/2008 entschieden sich 199 Schüler aus den siebten bis zehnten Klassen für Japanisch, 597 Mädchen und Jungen für Chinesisch. Auch wegen der seit 1994 bestehenden Städtepartnerschaft wüchsen die Kontakte zwischen Berliner und Pekinger Schulen – Austauschprogramme eingeschlossen, erklärt die Senatsbildungsverwaltung. Weil China das bevölkerungsreichste Land der Erde und eine immer bedeutendere Wirtschaftsmacht ist, verspricht Chinesisch besondere berufliche Perspektiven. Inzwischen hätten die ersten beiden Schüler am Humboldt-Gymnasium in dieser Fremdsprache ihr Abitur abgelegt, sagt Frau Wu. Ehemalige Schüler studierten in China und an anderen außereuropäischen Universitäten.

Für den beruflichen Durchbruch in chinesischen oder japanischen Firmen reichen zwei Jahre Schulunterricht nicht, um den Horizont zu erweitern aber allemal. Der Alltag in Japan sei traditionell und strenger geregelt als im liberalen Europa, sagt Mutsuko Tomita vom Mendelssohn-Gymnasium. Auch das müssten ihre Schüler lernen, besonders, wenn sie beim Schüleraustausch mitmachen wollten. Abends lange wegbleiben und Bier trinken sei in japanischen Familien nicht üblich. Eine Schülerin, die das letzte Schuljahr in Tokio verbracht hat, musste ihre Gastmutter jeden Tag per SMS informieren, wann sie von der Schule kommt – Stoff für andauernde Auseinandersetzungen. Dennoch hält die Japan-Begeisterung der Elftklässlerin an. „Mit jedem japanischen Satz, den ich lese, jedem japanischen Film, den ich sehe, bin ich wieder zurück – zumindest in meinen Gedanken“, schreibt sie im Bericht über das Jahr. Nach dem Abitur wollte sie wieder hin – und Japanisch-Dolmetscherin werden.

Folge 3:

DIE QUAL

DER SPRACHWAHL

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