Berliner Schulen : Deutschenfeindlichkeit: Schule der Ängste

Auf einmal wird öffentlich darüber gesprochen: Schüler mit Migrationshintergrund mobben andere Schüler. Deutschenfeindlichkeit heißt das Reizwort. Viele Berliner Lehrer plagen nun Sorgen: Ist das nicht ein Kampfbegriff der Rechten?

Nadja Klinger
Schüler gegen Schüler. Prügeleien hat es schon immer gegeben. Haben sie jetzt eine neue Qualität erreicht?
Schüler gegen Schüler. Prügeleien hat es schon immer gegeben. Haben sie jetzt eine neue Qualität erreicht?Foto: dpa

Das Problem hockt mitten im Weg. Rückt nicht zur Seite, macht kein bisschen Platz. Man kommt dran vorbei. Irgendwie. Aber es stört. Sonst wäre es ja auch kein Problem.

Im Herbst letzten Jahres bekam der Berliner Lehrer Gundacker vom Berliner Lehrer Meyer ein beschriebenes Stück Papier in die Hand gedrückt. Er las sehr schnell, denn er las sich durch vertrautes Terrain. „Das Problem ist nicht neu“, sagte er. „Neu ist nur, dass mal einer offen drüber spricht.“

Im Folgenden geht es um den fortwährenden Versuch, Missstände zu beseitigen. Um die aktuellen Nachrichten vom Mobbing an Berliner Schulen. Um die Gefahr, schon in der Debatte ums Problem am Problem zu scheitern.

Als er ein kleiner Junge war, wollte Norbert Gundacker Chemiker werden. Doch während seiner Schulzeit in Bayern zogen knorrige Pauker autoritären Unterricht durch. Das Gymnasium war ein unwirtliches Gerüst aus Hierarchien. Er stellte fest: Viel mehr als Aufbau, Verhalten und Umwandlung von Stoffen interessierten ihn Aufbau, Verhalten und Umwandlung von Schulen. Er hatte jetzt eine Vision.

Anfang der 80er Jahre sah er sich in Berlin um. In sogenannten Problemkiezen. An sogenannten Restschulen, wo sogenannte lernschwache Arbeiterkinder landeten. Genau denen wollte er Bildungserfolge verschaffen. Jahrzehntelang hat Gundacker an der Hauptschule unterrichtet. Er gehört zu jenen Berliner Lehrern, die demnächst zu Tausenden verschwinden. Seine Generation erreicht das Rentenalter. Und zwar ziemlich erschöpft. Er ist 58 Jahre alt. Die Haare, zur Meckifrisur gestutzt, werden grau. Dicht vor den eng stehenden Augen klemmt die kleine, runde Brille. Er sieht aus wie der Igel, der den Hasen beim Wettlauf besiegt, aber niemals wirklich gewinnt.

Die Schule hat er bereits verlassen. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Berliner Lehrergewerkschaft GEW. Es bleibt ihm noch eine Wahlperiode, um Spuren im Bildungssystem zu hinterlassen. Den Text von Lehrer Meyer ließ er damals in der GEW-Zeitung abdrucken. Seitdem führt eine Fährte zum Problem. Gundacker hat sie nicht selbst gelegt. Er hat sozusagen das Licht im Wald angeknipst, damit jeder sie sieht.

Kaum war der Text in der Novemberausgabe 2009 erschienen, wurde es ungemütlich auf dem Gundacker eigentlich so vertrauten Terrain. Es hagelte zornige Briefe. E-Mails überschwemmten Postfächer. Die Mitglieder warfen mit Meinungen wie mit Granaten.

Lehrer Meyer hatte nichts Gutes über Berliner Schulen geschrieben: Lernen ist dort kaum möglich, Leistungen sind verpönt, die meisten Schüler hindern andere am Arbeiten, Lehrer bestimmen längst nicht mehr, wo’s langgeht, werden ebenso beschimpft und attackiert. Meyer sprach von Schulen an „sozialen Brennpunkten“, die vom Nachwuchs „bildungsferner“ Elternhäuser besucht werden. Von Kindern aus armen, prekären Verhältnissen, deren Familien von Transferleistungen leben. Von Vorurteilen und Verachtung, die diese Kinder aushalten. Davon, dass sie sich behaupten, indem sie andere erniedrigen.

Das Problem ist größer und größer geworden

Auch Meyers Berufsleben ist bald zu Ende, er hat nichts mehr zu verlieren. Hat er sich deshalb getraut, das alles aufzuschreiben? Oder kann er den Gedanken nicht ertragen, ein Problem zu hinterlassen, das er schon als junger Lehrer vorfand? In Wedding, in Neukölln, in Kreuzberg sammeln sich Schüler, die nicht motiviert sind zu lernen, weil sie nur gesellschaftliches Abseits kennen. Im Dilemma der Arbeiterkinder, denen sich Hauptschullehrer Gundacker einst zu widmen begann, stecken heute Kinder mit Migrationshintergrund. Ganz fest, irgendwo zwischen Herkunft und Fremdbleiben. Das Problem der Berliner Schule heißt: Es gibt immer einen Verlierer. Das Problem ist größer und größer geworden. Es hat die Hauptschule gesprengt. Es hockt nun auch an anderen Schulformen im Weg.

Lehrer Meyer unterrichtet nicht nur. Er engagiert sich im Landesausschuss für Multikulturelle Angelegenheiten der GEW. Dort geht’s so oft um die von ihm beschriebenen Schulen, dass man das Problem praktischerweise abkürzt. Man sagt „ndH“ für „nicht deutschsprachige Herkunft“. Mancherorts beträgt der Anteil an ndH-Schülern über 90 Prozent. „Wir sprechen dann von Schulen zweiter Wahl“, sagt Norbert Gundacker. Meyer schrieb in der Zeitung: Schüler mit Migrationshintergrund unterdrücken die deutsche Minderheit. Vielleicht ist ihm beim Schreiben aufgefallen, wie fatal undefiniert das große Problem obendrein ist. Er konnte es nicht erklären. Erwähnte den Islam. Ein Wort schien passend, bereitete ihm aber Unbehagen: Deutschenfeindlichkeit. Er setzte es in Anführungsstriche. Hielt die Bombe nur hoch, ohne zu zünden. Auf die Problemdiskussion wirkte das Wort trotzdem wie ein Selbstmordattentat.

Im Oktober 2010 sitzt Gerhard Weil auf einem Podium. Er moderiert. Er muss mit wichtigen Fragen so jonglieren, dass keine hinten runterfällt: Wo liegen die Ursachen? Ist der Islam schuld? Wie sinnvoll ist es, das Wort Deutschenfeindlichkeit zu verwenden? Weil ist ein großer Mann. Ein Ganzkörperredner, der fuchtelt, schaukelt, wippt und zumindest schon mal das Mobiliar zum Wackeln bringt. Auch seine Haare, genauer gesagt sein Kinnbart, sind grau. Auch er hat sein ganzes Berufsleben mit dem Problem verbracht.

Er gehörte zu den sechs Prozent eines Jahrgangs, die Mitte der 60er in Berlin die Schule mit Abitur verließen. Er hätte jedes lukrative Studium bekommen. Anfang der 70er fing er als Grundschullehrer an. In Kreuzberg, wo kaum ein Kollege hin wollte, ebenso wenig wie nach Wedding und Neukölln. Griechische und türkische Schüler nannte man „Ausländeranteil“. Nach fünf Jahren ging er vom Unterricht in die Politik. Wurde Referent des Schulsenators. Mittlerweile sagte man: „Ausländerproblem“.

Gerhard Weil sorgte für Integrationsklassen und Vorbereitungsunterricht für Ausländerkinder. Er arbeitete im Ausländerreferat, leitete ein Lehrerfortbildungsinstitut, ist zweiter Sprecher des Landesausschusses für multikulturelle Angelegenheiten. Die Berliner Schule hat sich während seiner Zeit verändert. Sie weiß, was Integration ist. Das Schulgesetz legt Wert auf interkulturelle Erziehung. Immer mehr Schüler nichtdeutscher Herkunft machen Abitur. Die Berliner Schule ist aber auch geblieben, wie sie war. Sie nennt Ausländer jetzt Migranten. Sie geht davon aus: Der Hintergrund, vor dem Migranten leben, ist weit weg. Mancher Lehrer macht Ferien in der Türkei, um etwas über seine Schüler zu erfahren. Dabei leben die in Neukölln. Unsicherer Aufenthaltsstatus, Jobcenter, Aldi, in der kleinen Wohnung viele Geschwister, draußen schlechtes Gerede: über das Herkunftsland der Familie, den Habitus des Vaters, das Kopftuch der Mutter, die gemeinsame Religion. Nach wie vor berücksichtige der Rahmenlehrplan nicht, dass Deutsch für viele Berliner Schüler keine Muttersprache ist, sagt Weil. Ebenso wenig, dass es noch andere weltbewegende Ereignisse gab als die der europäischen Geschichte.

Lesen Sie weiter auf Seite 2

Seite 1 von 2
  • Deutschenfeindlichkeit: Schule der Ängste
  • Seite
Artikel auf einer Seite lesen

117 Kommentare

Neuester Kommentar