Berliner Schulprojekt : Ohne Casting in die neue Band

Für die Bandklassen des Mariendorfer Eckener-Gymnasiums gibt es keinen Aufnahmetest. Alle Schüler dürfen bei null anfangen.

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Die Schulband "Right Directions" mit Lehrer Christoph Hillmann beim Proben im Eckener-Gymnasium.
Die Schulband "Right Directions" mit Lehrer Christoph Hillmann beim Proben im Eckener-Gymnasium.Foto: Thilo Rückeis

Ein Stuhl steht auf einem Tisch, ein roter Rucksack hängt an der Wand, und hinter ihren Trommeln hockt die Schlagzeugerin und wechselt den Rhythmus. Die Sticks wirbeln schneller, die Gitarristin blickt noch konzentrierter auf ihre Saiten, und vor dem Fenster legt die Sängerin, violetter Pulli, violette Turnschuhe, an Tempo zu. An der Tafel steht „Dur/G-Dur“, Musik erfüllt das Klassenzimmer, und Jan Hoppenstedt hat ein Problem. Deshalb wedelt er jetzt mit der rechten Hand. „Ich höre ständig andere Akkorde“, sagt er. So war das nicht gedacht. „Wenn sich jemand ständig neue Akkorde ausdenkt, ist das nicht so toll.“

„Für viele ist das eine völlig neue Welt.“

Jetzt ist nur nicht ganz klar, wer sich die falschen Akkorde ausgedacht hat. Das Mädchen mit der Gitarre, der Junge am Bass, die Schlagzeugerin, das Mädchen hinterm Keyboard. Oder die Sängerin, die „Immer für dich da“ gesungen hat? Im Zweifelsfall alle, hier sind ja keine Profis. Hier sitzen Schüler der 8. Klasse des Eckener-Gymnasiums in Mariendorf, hier sitzt eine der fünf Gruppen in der Bandklasse des wuchtigen, wilhelminischen Baus, der einzige Profi ist Hoppenstedt, an der Uni ausgebildet im Jazz- und E-Bass. Der Musiklehrer des Quintetts. In dieser Band hatte, außer der Sängerin, vor 18 Monaten noch nie jemand ernsthaft ein Instrument in der Hand.

Klaus-Peter Bender, der grau melierte Leiter des Gymnasiums, meint also auch diese Schüler, wenn er sagt: „Für viele ist das eine völlig neue Welt.“

Die Bands sind der Kern des Projekts

In diesem Gymnasium mit der Atmosphäre der „Feuerzangenbowle“ tauchen die Schüler ein in eine Welt, die in Berlin in dieser Form selten ist. Hier lernen Schüler, ohne Vorkenntnis, in der 7. Klasse Instrumente kennen und werden in der 8. Klasse, ergänzend, in Bands zusammengefasst. Diese Bands sind der Kern des Projekts. „Wir wollten keine Streicher- oder Bläserklassen“, sagt Bender. Die Vielfalt der Instrumente, gebündelt in einer Band, das gehört zum Konzept. „Wir haben keine Aufnahmeprüfung“, sagt Bender. „Wir wollen Menschen Musik nahebringen, die sonst kaum diesen Weg gehen würden.“

Üben, üben, üben.  Die Achtklässler der Bandklasse mit Lehrer Jan Hoppenstedt.
Üben, üben, üben. Die Achtklässler der Bandklasse mit Lehrer Jan Hoppenstedt.Foto: Thilo Rückeis

Musik-Schwerpunkte haben viele Schulen, aber kaum eine ist so aufgebaut wie das Eckener-Gymnasium. In der siebten Klasse lernen die Kinder sechs Instrumente kennen, sie sollen sich für eines entscheiden und damit in der Band spielen. Die Bands werden in der 8. Klasse gebildet, fünf Gruppen gibt es derzeit, 32 Schüler gehören dazu. Drei Stunden Musik pro Woche sind Pflicht, eine Stunde davon dient dem Üben in der Band.

Zu den sechs Musiklehrern, die fest an der Schule sind, gehören auch noch fünf externe Pädagogen, hochkarätiges Personal. Musiker von Musikschulen oder Hochschuldozenten. Nach der achten Klasse können die Schüler ihre musikalische Laufbahn in einer AG fortsetzen, unter dem Dach der Musikschulen.

Es geht nicht um Virtuosität

Vor der Tafel schnappt sich Hoppenstedt jetzt den Bass und stimmt ihn, während die Schlagzeugerin Löcher in die Luft schlägt. Auf dem Boden liegen die Notenblätter von „Crazy in love“. dem Hit von Beyoncé. „Wir spielen erst mal den beat durch“, sagt Hoppenstedt, „ohne Sechzehntel. Jetzt geht es um den Refrain.“ Und den von „Immer für dich da".

Das Lied haben die Kinder geschrieben, songwriting ist Teil des Projekts. Die Schüler üben ein eigenes Stück ein und einen Hit. „Crazy in love“ ist der Hit, den spielen sie auch hier. Jede Band hat „Crazy in love“ im Programm; das macht Sinn, sagt Hoppenstedt, „denn dann kann man bei Bedarf die Bandmitglieder tauschen.“

Später sitzen Hoppenstedt und Bender in der Aula der Schule, einem Saal mit einschüchternder Atmosphäre. Es geht jetzt um Lernziele. Virtuosität ist kein Lernziel. Nach der siebten Klasse, sagt Hoppenstedt, „sollen die Kinder an den Instrumenten rudimentäre Fähigkeiten besitzen. Sie sollen einfache Melodien und Akkorde beherrschen.“ Und ein Wechsel des Instruments nach der siebten Klasse? Hm, schwieriges Thema. „Nur in Absprache“, sagt Hoppenstedt.

Da kommt ja der sozialpädagogische Aspekt ins Spiel. „Wir wollen, dass die an etwas dranbleiben“, sagt Hoppenstedt, „wir wollen die Hartnäckigkeit schulen.“ Bender sitzt neben dem Musiklehrer, er strahlt natürliche Autorität aus, er verkörpert jene Werte, auf die seine Schule achtet. „Die Schüler sollen auch Rücksicht auf die Bands nehmen, wir wollen soziale Kompetenz schulen.“

Musik kann Schüchterne aus der Reserve locken

Musik kann ja formen, sie kann Schüchterne aus der Reserve locken und Außenseiter in die Gruppe integrieren. Für den einen ist es der Sport, für den anderen die Musik. Hoppenstedt erinnert sich an einen überaus schüchternen Schüler, der mit jedem Ton, den er lernte und richtig spielte, selbstbewusster wurde. Am Ende zeigte schon die Körperhaltung den Wandel. „Unsere Kinder schaffen es, ohne Vorkenntnisse sich so zu entwickeln, dass sie vor 200 Menschen auftreten.“

Es gibt natürlich auch Klassen, die Lernen als unverbindliche Empfehlung betrachten. Die stoßen dann schnell an ihre Grenzen. „Wenn Schlendrian einzieht“, sagt Hoppenstedt mit lässigem Lächeln, „dann studieren die Kinder halt kein selbst geschriebenes Lied ein.“

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