Berliner Unis : Neues Ranking, alter Erbstreit

In der Schanghai-Liste fehlen die FU und die HU weiter. Sie konnten sich über die alten Berliner Nobelpreise wieder nicht einigen.

Anja Kühne

Das neue Weltranking der Universitäten ist da – und wieder fehlen darin die Freie Universität und die Humboldt-Universität. Vor drei Jahren haben die Hochschulforscher der chinesischen Schanghai-Jiao-Tong-Universität beide Unis aus der Rangliste ihrer „Top 500 World Universities“ gestrichen. Denn die FU und die HU streiten darüber, wem die Nobelpreise der alten Berliner Universität zugerechnet werden müssen, die 1810 gegründet wurde: Beide Unis erheben einen Anspruch auf das alte Erbe. Im Shanghai-Ranking gewinnt eine Hochschule entscheidende Pluspunkte für jeden Nobelpreis, den sie seit 1911 vorweisen kann.

Im Vorfeld des aktuellen Rankings haben die Präsidenten von FU und HU zwar erneut versucht, sich zu einigen. Doch anders als FU-Präsident Dieter Lenzen lehnte HU-Präsident Christoph Markschies den von den Chinesen vorgeschlagenen Kompromiss ab. Danach sollten die Nobelpreisträger der 1810 gegründeten Berliner Universität auf FU und HU verteilt werden und zwar gemäß der Werte, die FU und HU in den anderen Kriterien des Rankings erzielen.

Lenzen sagte auf Anfrage: „Ich bedauere, dass Berlins Universitäten ein weiteres Mal nicht in das Ranking aufgenommen werden konnten, weil der Vorschlag aus Schanghai nicht akzeptiert wurde.“ Lenzen will die Hoffnung auf eine Einigung trotzdem nicht aufgeben. Ein Machtwort des Wissenschaftssenators ist allerdings nicht zu erwarten. Berlins Hochschulen sind in vielen Angelegenheiten autonom, in dieser erst recht. Allerdings hat Jürgen Zöllner (SPD) versucht, ein Gespräch zwischen beiden Hochschulen zu moderieren.

HU-Präsident Markschies bezieht in dem Konflikt eine andere Position als sein Amtsvorgänger. Zwar lehnt er wie schon Jürgen Mlynek den Kompromissvorschlag der Chinesen ab. Die klare Pro-Humboldt-Haltung Mlyneks gibt er aber auf: In Schanghai warb Markschies dafür, dass die Chinesen alle Berliner Nobelpreise sowohl der FU als auch der HU anrechnen. Ein Ausdruck neuer Großzügigkeit gegenüber der FU oder einer veränderten historischen Wahrnehmung? Wohl nicht. Schließlich wusste Markschies, dass die Chinesen diesen schon von FU-Präsident Lenzen gemachten Vorschlag bereits einmal abgelehnt hatten – und wohl wieder ablehnen würden. Vermutlich ging es Markschies nur darum, sich vor den Berliner Wissenschaftspolitikern als kompromissbereit darzustellen.

HU-Sprecher Thomas Richter teilte auf Anfrage mit, die HU betrachte sich als Rechtsnachfolgerin der Friedrich-Wilhelms-Universität. Als solche habe sie im Ranking den Anspruch auf Anrechnung aller alten Nobelpreise.

Alles begann vor vier Jahren. Damals sackte die FU im Schanghai-Ranking von Platz 95 als fünftbeste deutsche Universität ab und stürzte in die Gruppe mit den Plätzen 202 bis 310, in der die Liste keine Einzelplatzierungen mehr ausweist. Denn nachdem der damalige HU-Präsident sich bei den Hochschulforschern beschwert hatte, hatten die Chinesen die Nobelpreisträger der alten Berliner Universität nun allein der HU zugeordnet. Diese stieg so aus der Gruppenplatzierung auf Platz 95 auf. Nach Protesten der FU nahmen die Chinesen beide Hochschulen nicht mehr ins Ranking auf.

Zwischen 1901 und 1954 sind 29 Nobelpreise an Forscher gegangen, die mit der alten Berliner Universität verbunden waren. Im Schanghai-Ranking wird die Zeit seit 1911 berücksichtigt, danach kommt Berlin auf 16 Nobelpreise. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die HU und die FU keine Nobelpreise gewonnen.

Der Streit „um längst verweste Nobelpreisträger“, wie Lenzen einmal formulierte, wäre also lächerlich, hätte er nicht einen ernsten Hintergrund. Das Ansehen einer Uni wird auch von Rankings geprägt – und seien die Kriterien auch fragwürdig. Der Konflikt zwischen FU und HU berührt aber auch die Narben, die der Kalte Krieg in Berlin hinterlassen hat.

Die Wahrnehmung, wonach nur der HU die alten Nobelpreise zustehen, wurde in der Debatte von dem Historiker Rüdiger vom Bruch unterstützt (HU). Die HU, die diesen Namen seit 1949 trug, sei nach dem Krieg nicht neu gegründet, sondern lediglich wiedereröffnet worden. Auch Gebäude und Personal hätten Kontinuität verbürgt. Der Gründungsmythos der FU speise sich hingegen aus dem Freiheitswillen der Nachkriegszeit.

Der FU-Wissenschaftler Siegward Lönnendoncker legte hingegen Material vor, wonach die HU keineswegs die Rechtsnachfolgerin der alten Universität gewesen sei. Sie sei eine juristische Neugründung der Kommunisten gewesen, mit dem Ziel, eine Parteihochschule sowjetischen Typs zu schaffen. Deshalb sieht sich die FU auch als „moralische“ Nachfolgerin der Berliner Universität, die seit 1828 Friedrich-Wilhelms-Universität hieß. Die FU habe 1948 nur gegründet werden müssen, weil in der Berliner Universität kommunistischer Terror einen Neuanfang im Humboldtschen Geist unmöglich machte. Auch habe sie 16 Institute der alten Universität im Westteil der Stadt bezogen. Der Historiker Klaus Zernack (FU) stellte fest, angesichts der Diskontinuitäten der Geschichte dürfe keine Berliner Uni die Nachfolge der Berliner Universität beanspruchen, weder moralisch noch rechtlich.

Mag diese Meinung historisch auch gut begründet sein: Sie rüttelt am Stolz der HU. Weder ihrem eigenen Selbstverständnis nach noch in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit beginnt ihre Geschichte erst mit der Entwicklung zur kommunistischen Kaderschmiede. Darum wird die HU im übernächsten Jahr auch ihr 200-jähriges Bestehen feiern. Der Streit mit der FU um die Geschichte wird dabei zumindest latent spürbar sein.

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