Berlins Gymnasien : Gehen Sie nicht übers Los

SPD und Linkspartei müssen den Grundschulen die Möglichkeit geben, sozial benachteiligte Kinder besser zu fördern – und zwar durch kleinere Klassen und nicht durch aufgepfropfte Reformen wie das jahrgangsübergreifende Lernen. Die Hast der Schulreform birgt Risiken – für Schüler, Lehrer und Eltern. Wie hoch diese Risiken sind, zeigt schon der Blick in den jetzt angedrohten Lostopf.

Susanne Vieth-Entus

Die Aufgabe, vor der Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner stand, sah von Anfang an unlösbar aus. Zöllner sollte den Zugang zum Gymnasium regeln und dabei den Elternwillen würdigen, die soziale Mischung in den Schulen verbessern und dennoch ihre Profile schützen; er sollte die neuen Sekundarschulen stark machen und die Leistungsfähigkeit der Gymnasien bewahren. Inzwischen wissen wir, dass die Rechnung tatsächlich nicht aufgeht.

Oder soll man es als „Lösung“ betrachten, wenn nachgefragte Schulen die Hälfte ihrer Plätze verlosen müssen, wie Zöllner jetzt vorgeschlagen hat? Wenn dadurch leistungsstarke Kinder, die gern Latein gelernt hätten, aber kein Losglück hatten, außen vor bleiben? Soll man es als „Lösung“ betrachten, wenn profilierte Sekundarschulen nur die Hälfte ihrer Schüler gemäß ihrem Profil aussuchen können und sie ihre sport- oder musikbetonten Klassen mit Kindern auffüllen müssen, die mit Sport oder Musik nichts zu tun haben wollen?

Zöllner wusste, dass er eine schwierige Aufgabe zu lösen hatte. Er hat deshalb viele Arbeitsgruppen tagen lassen und viele Wissenschaftler befragt. Nun hat er – Seite an Seite mit der Linkspartei – eine Quintessenz präsentiert, aber man reibt sich die Augen und fragt: Das soll’s gewesen sein? War es da nicht besser, die Grundschulempfehlung und die Wohnortnähe als Kriterien zu nehmen? Da wusste man wenigstens, woran man war, und musste die schulische Zukunft seines Kindes nicht einer Lotterie überlassen. Man trimmte die Kinder in den letzten Grundschulklassen auf Leistung, beschaffte sich zur Sicherheit noch eine Deckadresse in der Nähe der gewünschten Schule – und alles war gut.

War es das? Natürlich nicht. Denn dieses System hat dazu geführt, dass die Gymnasien eins zu eins die soziale Lage ihrer Bezirke widerspiegeln. Deshalb gibt es heute Schulen mit fünf Prozent Hartz-IV-Kindern und solche mit 50 Prozent. Das kommt davon, wenn man Kinder per Gesetz dazu zwingt, in ihrem Kiez zur Schule zu gehen.

Zöllner wollte das nicht mehr. Stattdessen hat er damit geliebäugelt, Aufnahmekriterien zu formulieren, die sich an den Grundschulzensuren orientieren. Aber er weiß, dass die Grundschulzensuren nicht ganz zuverlässig sind. Sie deshalb jedoch außen vor zu lassen und ein Losverfahren zu wählen, heißt, ein kleines Übel durch ein großes zu ersetzen. Man kann auch sagen: durch pure Willkür.

Worum geht es? Kinder sollen optimal gefördert werden – auch ohne massives Zutun der Eltern. Das kann jede Schule leisten, wenn die Voraussetzungen stimmen. Für die ist die Regierung mitverantwortlich. Wenn SPD und Linkspartei wirklich wollen, dass mehr Gerechtigkeit einzieht in Berlins Bildungslandschaft, dann müssen sie damit anfangen, die Kindergärten durch genug gutes Personal arbeitsfähig zu halten. Sie müssen den Grundschulen die Möglichkeit geben, sozial benachteiligte Kinder besser zu fördern – und zwar durch kleinere Klassen und nicht durch aufgepfropfte Reformen wie das jahrgangsübergreifende Lernen.

An Berlins Grundschulen kann man ablesen, was passiert, wenn eine Reform übereilt eingeführt wird. Rot-Rot sollte diesen Fehler nicht wiederholen. Die Verschmelzung dreier Schultypen zur Sekundarschule muss nicht um jeden Preis ad hoc gestemmt werden. Denn diese Hast birgt Risiken – für Schüler, Lehrer und Eltern. Wie hoch diese Risiken sind, zeigt schon der Blick in den jetzt angedrohten Lostopf.

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